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Steffen Knippertz stellt im Gymnasium sein Anti-Gewalt-Programm vor

Wenn’s in der Fan-Kurve brodelt

Bückeburg/Hameln. Ein Mann sieht Rot. Die Fans in der Fankurve sind fassungslos angesichts des Platzverweises. Die Erregung nimmt zu, untergründig, aber spürbar. Mit der Spannung in den letzten Minuten dieses Fußballbundesligaspiels wächst die Aggressionsbereitschaft. Man liegt zurück, der „schwarze Mann“ scheint schuld zu sein. Schimpfwörter sind zu hören, Flüche und Verdammungen. Was fehlt noch, um das Aufgestaute offen ausbrechen zu lassen? Eine weitere „Frechheit“? Lärm und Getöse? Schlachtrhythmen? Ein Siegergesicht aus der Reihe der zum „Feind“ gewordenen Gegner auf dem Weg aus dem Stadion? Später ein paar Bier als Brennstoff unter Fahnen? Eine ansteckende Bemerkung, ein Zuruf am Bahnsteig als Sprengsatz? Oder die bloßen Farben der anderen, die vielleicht nicht weniger denkblockiert sind?

veröffentlicht am 20.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 05:41 Uhr

Steffen Knippertz beschäftigt sich beruflich seit Jahren mit solchen Fragen. Eines seiner Arbeitsfelder sind Schulen, auch das Gymnasium Adolfinum. Als freiberuflicher Schulsozialarbeiter arbeitet er mit Klassen und Gruppen, um die Jugendlichen für Eskalationsprozesse zu sensibilisieren und Deeskalation zu initiieren. Mobbing soll gruppendynamisch verstanden werden, also auch aus wechselnden Perspektiven, um der Eigendynamik fataler Entwicklungen etwas entgegenzusetzen. Knippert weiß, dass der moralische Zeigefinger kaum geeignet ist, die Akteure wirklich zu erreichen. Die schnell und hart strafende Hand auch nicht.

Ähnlich geht Knippertz an die Phänomene der Gewalt in Fußballstadien heran. Als Anhänger von Hannover 96 war er schon oft genug im Stadion, um aus eigener Erfahrung zu sprechen, auch in Sachen Fan-Kurve. Inzwischen ist ein Anti-Gewalt-Programm entstanden, das unter der Bezeichnung „Fancoaching“ von sich reden macht. Als Pate konnte Sky-Chefkommentator Marcel Reif gewonnen werden. Einer der ersten Ansprechpartner war Martin Kind, Präsident von Hannover 96. Wie am Neckar und an der Isar wird auch an der Leine nach Wegen gesucht, um der Entwicklung wieder Herr zu werden. Das Konzept der Bundesligavereine mit Maßnahmen wie verstärkte Videoüberwachung, verschärfte Einlasskontrolle und verringerte Ticketzahlen für die Gastmannschaften sieht Knippertz eher kritisch, wobei er den Verantwortlichen durchaus gute Absichten unterstellt: „Aber so bekommt man keinen Fuß in die Tür!“

Wie der unerschrocken wirkende Hamelner tickt, der Jahre lang Wasserball gespielt hat, wird durch ein Beispiel deutlich, das er im Pressgespräch anführt: „Manchmal genügt die Bemerkung einer Freundin, um in einer erhitzen Situation im Alltag, etwa nach einem Discobesuch, den entscheidenden Funken nicht zünden zu lassen.“ Stattdessen Gedankenblitze, zwei Worte, kein Kampf, nur Dampf!

Knippertz weiß aus seiner Arbeit an Schulen, wie wichtig Wertschätzung ist, für alle Beteiligten, auch wenn es extrem schwerfallen kann in der Praxis. Selber ein Mann des Wortes, erwähnt er die schwierige Arbeit im Wortfeld der rechtsextremistischen Szene. Professionalität scheint am Rande des Profifußballsports besonders gefragt zu sein, gepaart mit Begeisterung für den Sport, auch und gerade als Publikumssport, als Event mit hohem Erlebniswert für eine Masse an Menschen, Woche um Woche. Fußball als reine Fernsehveranstaltung – eine traurige Perspektive, die schon an Schauspieler denken lässt, die die Spiele nur noch (schlecht) aufführen.

Fancoaching versteht sich als Ausbildung ehrenamtlich tätiger Personen, die sowieso im Stadion sind, die verankert sind in Fan-Kreisen als erklärte Vereinsanhänger oder Fußballfreunde, die aber nicht alles tatenlos hinnehmen wollen, was die „Sportart Nr. 1 in Deutschland“ substanziell gefährdet. „Bis zu 150 Personen könnten wir schulen in Sachen Deeskalation“, umreißt Knippertz die Perspektive. Nach seinen Eindrücken umfasst der engere Kreis der Eskalationsbereiten in der hannoverschen Arena zwischen 100 und 200 Personen, eine kritische Masse von gut 3000 Stadionbesuchern bilde den Rahmen. Der Brandherd liege aber oftmals in kleineren Gruppen und das, was dort ganz konkret geschieht, wenn wer Rot sieht, entziehe sich auch der genauesten Kamerabeobachtung: „Wer Prävention will, der muss von innen wirken und präsent sein!“

Knippertz hat schon im Vorfeld der Initiative mit Gleichgesinnten wie dem Juristen Roman von Alvesleben zusammengearbeitet. Die Umsetzung des Fancoaching-Projekts wäre Sache eines Teams, zur Arbeit in eigener Sache gehört die Homepage www.fancoaching.de . Hannover 96 hat das Angebot. Mit Marcel Reif hat man einen sehr prominenten Unterstützer gefunden, der die Hilflosigkeit des Kommentators kennt, wenn es erst wieder wo brennt. Am Rande des Spiels FC Bayern gegen Schalke 04 erklärte der Kommentator: „Fancoaching geht den richtigen Weg, indem es die Kooperation und die Auseinandersetzung mit den Fans sucht - und das mit einer wertschätzenden Haltung.“vhs




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