weather-image
20°

Vom Duft nach Wald, Wasser und Zuhause

Wie riecht eigentlich Heimat?

Heimat kann man sehen und fühlen. Und man kann sie riechen. Wenn die Erinnerung will. Dann duftet es plötzlich nach frischem gebackenem Brot, gemähtem Heu oder Kaugummi, nach Omas Haus und Vaters Jacke. Dann geht die Attacke des Vertrauten von der Nase ins Hirn und von dort direkt in unser Herz, um uns daran zu erinnern, woher wir kommen. Aber warum ist das so?

veröffentlicht am 08.05.2019 um 17:04 Uhr
aktualisiert am 10.05.2019 um 12:30 Uhr

Gerüche der Heimat haben wir ein Leben lang abgespeichert. Riechen wir sie in einer bestimmten Situation, ist auch die Erinnerung wieder da. Foto: Pixabay
Dorothee Balzereit

Autor

Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

In der Wissenschaft hat der Vorgang sogar einen Namen: Er nennt sich „Proust-Phänomen“ und geht auf den Dichter Marcel Proust zurück, der in dem Moment, als er einen Löffel Tee mit einem Stück aufgeweichtem Gebäck an die Lippen führt, an das Dorf seiner Kindheit denken muss, an die Tanten, den ungeliebten Herrn Swann, der die Familie besucht. Für meine Kollegin ist dieses Stück Gebäck das Kümmelbrot mit Leberwurst, das sie als Kind immer in der Küche ihrer Oma aß. Für mich öffnet der Duft des kleinen Dorfes, in dem ich groß geworden bin, angelehnte Türen. Und für Marc vom Ende, Parfumeur beim Dufthersteller Symrise, riecht Heimat nach der großen Stadt Berlin. Dort lebte er als Kind und heute wieder. Mit zwölf, zog die Familie ins Weserbergland, nach Bodenwerder. Den Ort an der Weser verbindet er mit einem holzigen, nadeligen Geruch. „So, wie der Wald dort riecht.“ Der Parfumeur mag den Duft, er ist ein Stück Heimat. Aber an die Wucht des Gefühls, dass ihn wohlig umhüllte, als er mit der Klasse nach Berlin fuhr, kommt er nicht heran. Marc vom Ende erinnert sich noch ganz genau an den Geruch, der auf der Avus durch das geöffnete Busfenster hereinzog und ihn mit auf die Reise zurück in die Kindheit nahm. Ihn zu beschreiben, fällt sogar dem geübten Parfumeur schwer: Undefinierbar sei er gewesen, ganz typisch und vertraut.

Wenn es um so emotionale Dinge geht wie Heimat, ist Riechen immer noch der unmittelbarste und älteste Sinn.

Professor Dr. Dr. Hans Hatt, Mediziner und Biologe

Für den Mediziner und Biologen Professor Dr. Dr. Hans Hatt ist das erklärbar. Das wohlige Heimatgefühl, dass wir über die Nase abspeichern, folge einem Grundprinzip der Evolution, in der es letztlich um nichts Geringeres als Sicherheit und Überleben geht: „Vertrautes ist für den Menschen (oder Tiere) etwas Bevorzugtes. Fremdem gegenüber verhalten wir uns misstrauischer, hinterfragender.“ Ein Prinzip, bei dem unser Riechorgan, unser Hirn und unsere Gefühle einen mächtigen Kanal bilden: „Wenn es um so emotionale Dinge geht wie Heimat, ist Riechen immer noch der unmittelbarste und älteste Sinn“, sagt der Professor, der an der Ruhr-Universität in Bochum seit vielen Jahren erforscht, wie Gerüche wirken.

Geruchsabspeicherung, sagt Hatt, beginnt eigentlich schon vor der Geburt, vor allem aber in der Kindheit. „Düfte, die wir das erste Mal riechen, werden mit der Situation, mit den Emotionen des Moments verknüpft und abgespeichert. Wenn der Duft wieder in die Nase kommt, dann werden Situation und Emotion erneut hervorgerufen. „Das liegt daran, dass Riechzellen einen ganz besonderen, direkten Zugang zu den beiden wichtigen alten Zentren des Gehirns haben, dem Erinnerungszentrum (Hippocampus) und dem Emotionszentrum, dem limbischen System.“ Über den Geruch, erklärt Hatt, habe der Mensch den letzten Kontakt zu diesen alten Zentren.

5 Bilder
Der gebohnerte Boden des alten Klassenzimmers löst bei Hans Hatt Erinnerungen aus. Foto: Pixabay

Heimatgeruch, Kindheit und Geborgenheit sind aus wissenschaftlicher Sicht also untrennbar miteinander verbunden. Was aber passiert, wenn die Kindheit mit negativen Erinnerungen verbunden ist? „Dann gilt dasselbe“, sagt Hatt. „Es gibt Menschen, denen stellt es die Haare auf, wenn sie einen bestimmten Geruch wahrnehmen.“

Heimatgeruch ist eben vielschichtig. Und für jeden anders. Der erinnerte Geruch erzählt Geschichten darüber, wie wir aufgewachsen sind und aus welcher Gegend wir kommen. Das sieht auch Dr. Bodo Kubartz so. Für den Duft- und Kosmetikmarktexperten ist Geruch am engsten mit der Geografie der Herkunft verbunden. So werde ein Südamerikaner andere Heimatgerüche und -geschmäcker haben, als ein Niedersachse, erklärt er. Er selbst wohnt im Rheinland, verbindet die Heimat mit dem Geruch der vielen Bäche und Seen im Nettetal: im Frühjahr und Sommer frisch, ansonsten ein wenig modrig. Aber auch dem Weserbergland – er war als Kind oft bei Verwandten in der Nähe von Bodenwerder zu Besuch und ist viel im Ith gewandert – kann er einen Geruch zuordnen: erdig, holzig mit Moosnote.

Dem Geruch der Heimat im Sinne einer begrenzten Region oder eines bestimmten Kulturkreises lässt sich aus Sicht von Professor Hans Hatt noch eine andere Note hinzufügen: Der Geruch des Zuhauses.

Hatt differenziert Heimatgeruch für sich folgendermaßen: „Ich bin in Bayern groß geworden, auf dem Land, für mich ist der Bauernhof und der Misthaufen das, was mich an Heimat erinnert. Dazu kommt der individuelle Duft. Der Duft des Hauses, der Duft der Familie, Heimat ganz eng definiert. Das kennt fast jeder.“

Stimmt. Für Bodo Kubartz ist es das Moos aus dem Garten, das in der elterlichen Weihnachtskrippe in einem anderen emotionalen Kontext abgespeichert wurde als das Moos in der Natur.

Hans Hatt kommen die vielen Gerüche aus der Lebensmittelhandlung seiner Eltern in den Sinn. Gewürze, Fische, die damals in offenen Tonnen angeboten wurden.

Und dann gibt es zwischen dem regionalen Heimatgeruch und dem Geruch des Zuhauses auch einen Heimatgeruch, den man vielleicht als generationenverbindend bezeichnen kann: Bodo Kubartz erwähnt das früher beliebte Kaugummi Hubba Bubba, und Hans Hatt erzählt vom Geruch des Klassenzimmers in seinem Heimatdorf, in dem heute das Standesamt untergebracht ist. Doch der gebohnerte Holzboden rieche wie früher. Und ihm kommt der Geruch frisch geteerter Straßen in den Sinn: „Bei uns wurden in der Nachkriegszeit alle Straßen neu gemacht“, auch dieser Geruch gehöre zu seiner Jugend. Während er erzählt, denke ich an einen olfaktorischen Angriff, der meine Generation (ich bin 1968 geboren) ins Herz treffen könnte. Die Kombination aus Chlor, Heckenrosen und Pommes im Schwimmbad. Ein Geruch, der irgendwo zwischen Kindheit und Vorpubertät angesiedelt ist, der mit dem Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit einhergeht. Und mit dem Erinnerung, bei sengender Sonne per Rad über staubige Feldwege ins nächstgelegene Schwimmbad zu fahren, um dort ins herrliche Nass zu springen.

Heimat in Verbindung mit Geruch ist eben vor allem eins: Ein Gefühl wie eine Umarmung.

Information

Heimatgeschichten gesucht!

Was ist für Sie Heimat? Wo ist sie oder was bedeutet sie? Erzählen Sie es uns auf lesergeschichten.dewezet.de



Links zum Thema

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare