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Tod eines Barmanns – Angeklagter gesteht / Eltern verlieren zwei Söhne in nur zwölf Monaten

Wie von Sinnen zugetreten

HAMELN Sie hatten drei Söhne, die ihr Glück im Westen versuchten. Die Zwillinge Ferdinand und Arben (49) und ihr jüngerer Bruder Altin versuchten, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen. Doch das Schicksal schlug erbarmungslos zu. Innerhalb von nur zwölf Monaten haben Vater Flori (75) und Mutter Prandvera S. (69) aus der albanischen Hafenstadt Durrës zwei ihrer Kinder verloren.

veröffentlicht am 11.01.2018 um 20:12 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Ferdinand wurde in Hannover tot aufgefunden, Arben am frühen Morgen des 6. August in Hameln nach Angaben des Rechtsmediziners Dr. Detlef Günther mit einigen „wuchtigen Faustschlägen und zahlreichen kräftig geführten Fußtritten“ getötet. Nach einem Streit mit Sascha G. (38). Der Tatverdächtige hat drei Kinder aus zwei Beziehungen – er muss sich seit gestern vor der 13. Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Totschlag und Gelddiebstahl vor. Sascha G. hat am ersten Prozesstag seinen Rechtsanwalt Marco Neumann für sich sprechen lassen. Der Angeklagte hat eine Erklärung verlesen lassen. Darin heißt es, dass er zutiefst bereut, was nach durchzechter Nacht in der Gaststätte „Zur Motte“ an der Gertrudenstraße passiert ist. „Benny“, so wurde Barmann Arben S. von Freunden genannt, habe ihn provoziert. Sascha G. will von Arben S. einen Faustschlag ins Gesicht kassiert haben. Es kam zu einer Schlägerei, die eskaliert ist. Der Barmann und sein letzter Gast sollen zunächst wegen einer Nichtigkeit aneinandergeraten sein. Es ging wohl um die Frage, ob Arben S. berechtigt ist, Bier zu zapfen. Er habe keine Ausschanklizenz. Die Männer hatten da schon viel Alkohol intus – und auch Kokain konsumiert. Am Ende soll Arben S. „eklig“ geworden sein. Sascha G. behauptet, er habe seine Lebensgefährtin (26) unter anderem als „blonde Hure“ bezeichnet. „Keiner spricht so über die Mutter meiner Kinder“, will der 38-Jährige geschrien und aus Wut einen Barhocker in Richtung einer Dart-Scheibe geworfen haben. Sascha G. soll dafür einen Faustschlag kassiert haben. Für Arben S. endete der Streit mit dem Tod. Sascha G. dürfte an diesem Sonntagvormittag völlig ausgerastet sein. Gerichtsmediziner Dr. Günther braucht 20 Minuten, um alle Verletzungen, die Arben S. zugefügt wurden, aufzuzählen. Das Opfer hat bei der Attacke Trümmerbrüche im Kopf- und Halsbereich, aber auch fünf Rippenfrakturen, starke innere Blutungen und eine Verletzung des Darms erlitten. „Nur gut, dass die Eltern und Bruder Altin nicht gehört haben, was Arben angetan wurde“, sagt Rechtsanwalt Roman von Alvensleben, der die Hinterbliebenen als Nebenkläger vertritt. Die Tat sei äußerst brutal ausgeführt worden. Die Eltern des Getöteten sind gebrochene Menschen. Nur noch selten gehen sie aus dem Haus. „Der Vater weint oft, die Mutter trägt Schwarz – sie kennt nur noch den Weg zum Friedhof“, sagt von Alvensleben.

In Hameln trauert Petra Cooper um Benny. Sie kannte ihn seit 1999. „Es war ein guter Mensch“, sagt die Hamelnerin. Sie war seine Freundin. „Ich vermisse ihn so sehr.“

Aus der Zelle hat Sascha G. Briefe an die Frau geschickt, die er liebt und die Arben S. beleidigt haben soll. In einem heißt es, er habe Gott um Vergebung gebeten, bitte um Vergebung und bereue, was er getan habe. „Ich hoffe, dass meine Strafe nicht zu hoch ausfällt und ich eine zweite Chance bekomme“, heißt es. Man nimmt dem 38-Jährigen, der ruhig auf der Anklagebank sitzt, ab, dass er reuig ist. Doch es gibt auch den Gewalt- und Wiederholungstäter Sascha G. – 16 Einträge im Bundeszentralregister zeugen davon. Nicht wenige haben mit roher Gewalt zu tun. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch liest aus einer älteren Urteilsbegründung vor. Gemeinsam mit einem Komplizen hat Sascha G. einen Mann mit Schlägen und Tritten übel zugerichtet. Die Täter wollten die Herausgabe einer ec-Karte erpressen.

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Der Angeklagte habe einen Hang zum Alkohol, nehme zudem gelegentlich Drogen zu sich. Zur Tatzeit sei er „erheblich in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen“, sagt der Psychiater Dr. Ulrich Diekmann.

Sascha D. ließ über seinen Verteidiger ausrichten, er bereue, dass er den Tod des Barmannes „zumindest billigend in Kauf genommen“ und „unermessliches Leid über die Familie des Opfers“ gebracht habe.

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