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Verfassungsschützer warnen vor Magnetwirkung historischer Orte auf Rechtsextremisten aus aller Welt

Wincklerbad entfaltet „enorme Zugkraft“ in der Szene

Bad Nenndorf (tes). Die Bedeutung des Wincklerbades für die braune Propaganda ist offenbar noch höher als befürchtet. Nach Ansicht des Verfassungsschutzes zählt der „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf mittlerweile zu den bundesweit größten Veranstaltungen der rechten Szene – eine Machtdemonstration mit internationaler Beteiligung, großer Attraktivität für junge Sympathisanten und einem Abo bis 2030.

veröffentlicht am 04.05.2010 um 20:08 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 12:22 Uhr

Was erwartet uns am 14. August 2010? Diese Frage beschäftigt im fünften Jahr der Neonazi-Aufmärsche viele Nenndorfer Demokraten. Die Fakten und Bilder, die Pressesprecherin Maren Brandenburger und Abteilungsleiter Wolfgang Freter vom niedersächsischen Verfassungsschutz über die Bedeutung des Wincklerbades für die braune Propaganda offenbart haben, haben im Publikum der Info-Veranstaltung des SPD-Samtgemeindeverbandes entsetzte Reaktionen hervorgerufen.

Beide Experten konnten keine Entwarnung geben. Der sogenannte Trauermarsch werde massiv beworben – international und weit über die Neonazi-Szene hinaus. Das ehemalige Verhörzentrum übe eine fatale Anziehungskraft aus. „Ein kleines Städtchen, das bundesweit Aufmerksamkeit erregt. Nur weil hier ein Gebäude mit nationalsozialistischem Hintergrund belegt wird“, erklärte Brandenburger. „Da ist was passiert und wurde verdrängt“, das passe bestens in die Propaganda-Strategie der Rechten von einer durch Besatzer mundtot gemachten, betrogenen Volksgemeinschaft. „Selbst wenn jetzt eine Broschüre Fakten entgegensetzt, wird die Nazis das nicht beeindrucken.“ Das Thema habe „enorme Zugkraft“.

Ob autonome Nationalisten oder NPD-Funktionäre: Bad Nenndorf biete Event-Charakter und die Chance, selbst ernannten Nazi-Größen die Hand zu schütteln. So erwartet Freter, dass „die Zahlen vom letzten Jahr deutlich übertroffen werden“. Waren es 2009 gut 700 Teilnehmer, könnte sich die Beteiligung der ungebetenen Gäste in 2010 erneut verdoppeln. Nicht zuletzt, weil der Aufmarsch in Dresden gescheitert und der einstige Wallfahrtsort Wunsiedel durch ein Demo-Verbot wegfällt. Bad Nenndorf sei in die erste Kategorie rechtsextremistischer Demonstrationsorte aufgestiegen, so Freter. Infolgedessen sei mit mehr Linksextremisten zu rechnen. Mehrere Hundertschaften der Polizei müssen die beiden Lager auf Abstand halten. Ein Ende dieses Schauspiels ist laut Freter nicht in Sicht. Die Magnetwirkung historischer Orte lasse sich nicht verhindern.

Der bürgerliche Widerstand wächst: „Bisher fand der Aufmarsch immer in den Sommerferien statt, viele waren im Urlaub“, hofft der SPD-Vorsitzende Udo Husmann auf noch mehr Nenndorfer, die am 14. August ein deutliches Zeichen setzen: „Wir sind gegen Nazis.“ Dass es bei diesem Termin bleiben wird, daran ließen die Verfassungsschützer keinen Zweifel. Die Veranstalter hatten den Aufmarsch verlegt, weil am 7. August das sogenannte Pressefest des NPD-Organs „Deutsche Stimme“ stattfindet. Dies belege den Stellenwert von Bad Nenndorf, weil die Nazis diesen Aufmarsch offenbar nicht durch eine andere Veranstaltung überschattet sehen wollen.

Brandenburger würdigte die Gegenwehr vor Ort, warnte jedoch vor der Gefahr, dass sich „zwei Ebenen hochschaukeln“. Das Problem lasse sich nicht lösen, indem man sage: „hier nicht“. „Ausgrenzen hilft nicht“, warnte sie. Ziel müsse vielmehr sein, nachhaltige Präventionsansätze zu schaffen, um die Jugend starkzumachen und Zukunftsaussichten zu schaffen. Dabei sei die Politik gefragt.„Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diese Jugendlichen haben nicht viel zu verlieren.“ Jürgen Uebel vom Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ sah das primäre Ziel auf lokaler Ebene darin, den Nazis den öffentlichen Raum streitig zu machen: Bad Nenndorf müsse zur „No go area für Neonazis“ werden.




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