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Pestalozzi-Schüler interviewen Menschen aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern

"Wir haben hier genug Flüchtlinge!"

Rinteln (cok). Das waren wirklich ungewöhnliche Gäste, die die 10b der Pestalozzi-Förderschule in ihren gemütlich geschmückten Klassenraum eingeladen hatte: Sechs alte Menschen, Männer und Frauen, die ihnen in langen Interviews ihre Geschichte von Flucht, Vertreibung und einer neuen Heimat erzählt hatten. Jetzt bekamen sie von den Schülern einen Kalender überreicht, der diese Geschichten dokumentiert.

veröffentlicht am 23.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:19 Uhr

Schüler beim Interview. Foto: cok

In einer kleinen Rede dankte Schülerin Sercana den Interviewpartnern, die sich auf einen Aufruf in unserer Zeitung gemeldet hatten (manche brauchten Tage, um sich zu überwinden, in einem Gespräch die schreckliche Vergangenheit wieder aufleben zu lassen): "Was Sie erzählt haben, hat uns wirklich sehr berührt und ich komme immer noch nicht von den ganzen Sachen weg, genau so, wie alle anderen aus unserer Klasse", sagte sie. Tatsächlich ist der Kalender ein ausgesprochen bewegendes Dokument einer vorbildlichen Kommunikation zwischen alt und jung geworden. Sechs große Blätter mit sechs individuellen Geschichten und mit Fotos, die zum Teil aus den Gesprächssituationen mit den Schülern stammen, zum Teil aber auch aus der Zeit, als damals vor dem 2. Weltkrieg die Welt in Ostpreußen, Pommern, Schlesien noch in Ordnung schien. Da ist die 75-jährige Küstersfrau Dalügge aus Rinteln, die auf der winterlichen Flucht aus Ostpreußen sah, wie Wagen und Menschen im aufgebombten Eis des Frischen Haffs versanken und deren rettendes Schiff kurz vor Swinemünde torpediert wurde. 14 Mitglieder ihrer Familie haben die Flucht nicht überlebt. Oder Hans Bolz, der Großvater von Schüler Christian, dem immer noch die Tränen kommen, wenn er daran denkt, wie seine bereits aus Pommern evakuierte Familie noch einmal zurückging, weil sie den kriegsgefangenen Vater treffen wollten. Sie lebten unter russischer Besatzung, bis die Polen, denen ihr kleiner Bauernhof zugesprochen war, sie vertrieben. Frau Jagenow lebte nach der Flucht aus Schlesien in der "Ostzone", wo das Wort "Vertriebene" nicht ausgesprochen werden durfte. Gerda Skibitzki wurde mit 17 Jahren in ein polnisches Zwangslager verschleppt und hat dort mutig ein kleines Tagebuch mit einer "Todesliste" geführt. Und Karl-Otto Barth, der extra aus Hannover angereist kam, er floh damals mit seiner Familie aus Breslau, wo es bis fast zum Kriegsende einigermaßen friedlich war, so dass der 10-jährige nicht nur Schmerzliches, sondern auch ganz verrückte Jungenabenteuer erlebte. Dieüber 80-jährige Edith Bombis arbeitete nach einer dramatischen Flucht im offenen Güterwagen voller verwundeter Soldaten auf einem Bauernhof, wo die Mutter zwar die Kühe melkte, aber keinen Tropfen Milch für die Familie bekam. Sie erzählte, wie betroffen sie gewesen war, als sie, schon in Rinteln angekommen, nur zu oft Äußerungen hören musste wie: "Wir haben hier genug Flüchtlinge!" oder: "Zu Hause habt ihr im Kuhstall geschlafen und jetzt wollt ihr Geld haben!" Keiner der Interviewten gibt den Polen oder Russen die Schuld an ihrem Schicksal, allen ist bewusst, dass Hitlers Angriffskrieg sie in diese grausame Lage gebracht hatte. Trotzdem sind sie alle erleichtert, dass ihre Geschichten jetzt gehört werden und sie darüber sprechen können, wie unmenschlich auch sie behandelt wurden. Die Nachkriegszeit als Flüchtling war für fast alle davon geprägt, dass sie viele Demütigungen und Ausbeutungen hinnehmen mussten - auch ein Aspekt, das in der allgemeinen Diskussion oft viel zu kurz kommt. Heinz Hering, unermüdlicher Projekt-Erfinder für seine Schulklassen, hatte die Schüler im Rahmen eines bundesweiten Wettbewerbes zur politischen Bildung sorgsam herangeführt an das lange verdrängte Thema.




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