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Schaumburg-lippischer Staatsanwalt Capaun ermittelt gegen die "Weihnachtskläuse" von Scheie

"Zu Profanierung der Weynachts Feyertage"

Scheie (gp). In den Akten des Niedersächsischen Staatsarchivs ist eine auf den ersten Blick kurios und merkwürdig anmutende Weihnachtsgeschichte überliefert. Sie spielte sich am Heiligabend des Jahres 1779, also vor rund 220 Jahren, in Scheie ab. Überliefert ist sie dank einer Anzeige des damaligen schaumburg-lippischen Staatsanwaltes Capaun. Danach waren "am Christ Abend den 24ten" zwei junge Burschen, "welche sich zu Profanierung der Weynachts Feyertage in sogenannte Cläuse verkleidet gehabt", in das Haus des örtlichen Bauermeisters Nordtmeier eingedrungen und hatten "dessen Magd mit Gewalt heraus gehoblet und durch die Mistpfütze gezogen, so daß diese Person vor Schrecken, Ärger und Kälte ganz krank geworden sei". Die Täter waren namentlich bekannt. Es waren der Kleinknecht Cordt Henrich Wilkening, 19 Jahre alt, und der Großjunge Friedrich Spier, 20 Jahre alt - beide "bey den Meyer Kruse in Scheie" in Diensten.

veröffentlicht am 23.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:15 Uhr

So könnten sie ausgesehen haben, die Weihnachskläuse von Scheie.

Der amtierende Graf Philip Ernst griff die Anzeige auf und ordnete eine strengeÜberprüfung des Vorfalls an, "damit das Unwesen auf dem Lande mit den Cläusen gesteuret werde". Mit der Untersuchung wurde der Bückeburger Amtmann Wendt beauftragt. Der legte schon wenig später zwei "Verhörs-Protokolle" mit den Aussagen der beiden "Kläuse" sowie ihres Opfers, der Magd mit Namen Philippina Caroline Rienschen, vor. Aus derSchilderung der 16-Jährigen ging hervor, "daß Krusen beide Knechte am Christ Abend ohngefehr um 7 Uhr: fürchterlich verkleidet, indem sie Masquen für dem Gesichte, ein Schaafsfell auf dem Kopf, eine Holtzkette um den Leib gebunden, und einer eine hiesige Reuter mondierung, der andere ein Hemd über das andere Zeug gezogen gehabt: in ihr Hauß gekommen, in die Stube gegangen und als Klause die Kinder erschreckt, denen sie darauf Nüße gegeben hätten". Sie (die Magd) habe "sich aus Schrecken über die Kuhkrippe in den Kuhstall retiriret und versteckt gehabt. Die verkleideten Klause aber wären aus der Stube einer davon in den Kuhstall gekommen und hätte sie mit Gewalt auf die Kuhkrippe gehoben, wovon sie der andere der draußen geblieben, auf die Deele gerißen hätte. Hier hätten sie ihr die Holzkette umhängen wollen und als sie dieses durchaus nicht leiden wollen, hätten selbige mit Gewalt in den Hof geführet und durch die Mistpfütze gerißen, so daß sie bis an den Leib davon naß geworden. Sie habe sich über diesen Vorfall dermaßen erschreckt, daß sie davon des andern Tages noch einen Frost in den Gliedern verspüret, so daß sie leicht davon in eine Krankheit verfallen können." Die beiden Burschen gaben die Tat unumwunden zu. Nach ihrer Darstellung hatten sie "des Nordmeiers Magd aus dem Kuhstalle gekrigt und als sie nicht bethen wollen, in den Hof und vorne in die Mistpfüzze geführet, worinnen sie gefallen und davon so naß geworden wäre". Der ganze Vorgang läge vermutlich bis heute unentdeckt zwischen den Archivakten, wenn das Auftreten der Scheier Kläuse nicht später ins Blickfeld einer wissenschaftlichen Untersuchung geraten wäre. Einzelheiten darüber kann man in einem vom Schaumburg-Lippischen Heimatverein in den siebziger Jahren veröffentlichten Aufsatz nachlesen. Darin geht der zu seinerzeit bekannte Volkskunde-Professor Dr. Gerhard Kahlo von der Berliner Humboldt-Universität der Frage nach, ob und in welchem Umfang der Scheier Vorgang historisch einzuordnen und zu bewerten sei. Nach seiner Darstellung war der Vorfall kein "Dumme-Jungen-Streich", sondern eine damals durchausübliche Spielart des Weihnachtsbrauchtums (s. "Zum Thema"). In der Tat sind Hinweise auf das Auftreten von Kläusen auch in anderen Unterlagen aus jener Zeit zu finden. Der Scheie-Bericht gilt jedoch als eine der ganz wenigen Quellen, in denen das Treiben der rauen Gesellen detailliert und authentisch festgehalten wurde. Von Kirche und Obrigkeit wurde das "Cläusen-Unwesen" übrigens des offenkundig heidnischen Ursprungs energisch bekämpft. Das bekamen auch die beiden Scheier Burschen zu spüren. Landesherr Philipp Ernst ordnete an, "daß beyde Denuncierten zur Strafe 24 Stunden lang bey Wasser und Brot in das kleine Gefängnis bey hiesiger Hauptwache(in Bückeburg) hingesetzet werden sollten".




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