weather-image
27°
40 Jahre als Justizangestellte: Angela Brakhage mit gespielter Gerichtsverhandlung verabschiedet

Zum Abschied einen Schuldspruch

BÜCKEBURG. Angela Brakhage will gerade die Gäste begrüßen, da legen ihr zwei Wachtmeister Handschellen an. So hat sie sich ihren Abschied von der Justiz nicht vorgestellt. Verfolgt von Fotografen geht es hinunter in den Schwurgerichtssaal, wo die Ränge bereits gefüllt sind. Der Vorwurf wiegt schwer: Brakhage (63) wird m zur Last gelegt, ihre Kollegen im Stich zu lassen und nach 40 Jahren im Justizdienst einfach in Rente zu gehen.

veröffentlicht am 22.02.2018 um 17:29 Uhr

Angela Brakhage wird in Handschellen von ihren ehemaligen Kollegen ins Gericht geführt. Foto: ly

Autor:

Stefan Lyrath
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Richter Peter Rohde lässt keinen Zweifel daran, dass die Angeklagte verurteilt wird. „Ich gehe sowieso davon aus, dass Sie schuldig sind“, macht er gleich zu Beginn klar und fordert den ersten Zeugen unmissverständlich auf: „Wenn Sie irgendetwas zu Lasten der Angeklagten aussagen können, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“

Viele Zuhörer sind schockiert, als später eine Kollegin Brakhages aussagt: „Sie hat mich elendig im Stich gelassen“, erklärt die Frau mit zittriger Stimme. „Ich hatte immer das Rundum-sorglos-Paket in der Amtsstube.“ Bei dem Gedanken, dass dies nun ein Ende hat, bekommt die Kollegin „Herzbeschwerden“. Das sei „wie Liebeskummer“.

Verteidiger Ralf Jordan erinnert daran, dass die Angeklagte ihn stets mit Zigaretten versorgt habe. Auch damit ist nun Schluss. „Und? Hab‘ ich’s angezeigt?“, fragt Jordan. „Nein, ich hab’s hingenommen“, gibt er die Antwort selbst.

Was gibt’s denn da zu lachen? Angela Brakhage mit ihrem Verteidiger Ralf Jordan. Foto: LY
  • Was gibt’s denn da zu lachen? Angela Brakhage mit ihrem Verteidiger Ralf Jordan. Foto: LY

So oder so: Angela Brakhage steht mit dem Rücken zur Wand. „Ich bekenne mich schuldig. Es tut mir leid, dass ich die Kollegen allein lassen muss, aber die Rente stand vor der Tür“, sagt sie. „Die Rente kann man da auch stehen lassen“, erwidert Dr. Thorsten Garbe, Richter und Vizepräsident des Landgerichts, der an diesem Tag die Robe des Staatsanwalts trägt.

Dann das Urteil: Die Angeklagte ist schuldig, kommt aber glimpflich davon. Sie hat auch künftig an allen Betriebsausflügen und Weihnachtsfeiern des Landgerichts teilzunehmen. Zum Beweis eines untadeligen Lebenswandels als Rentnerin muss sie regelmäßig Familienfotos vorlegen. Brakhage und ihr Verteidiger Jordan können sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Was gibt’s denn da zu lachen? Es ist alles nur gespielt.

Aber wer so in den Ruhestand verabschiedet wird, muss hohe Beliebtheitswerte haben. „Liebe Frau Brakhage, ich habe Sie als hilfsbereite, engagierte, freundliche und humorvolle Kollegin kennengelernt“, erklärt Vizepräsident Dr. Garbe später. „Ich spreche für alle, wenn ich sage, dass wir sie ungern gehen lassen.“

Apropos humorvoll: Angela Brakhage kann sich noch gut an ihren ersten Ortstermin des Amtsgerichts vor rund 40 Jahren erinnern. „Der Beklagte drohte, mit einem Gewehr auf uns zu schießen“, erzählt die Bückeburgerin. „Wir standen hinter einer Hausecke, keiner wollte den ersten Schritt machen. Unverrichteter Dinge fuhren wir wieder zurück.“ Die Geschichte ist wahr.

Angela Brakhage war 40 Jahre als Angestellte bei der Justiz, seit 1979 am Landgericht. Viele, die schon einmal als Zuhörer einen Strafprozess verfolgt haben, kennen sie als Protokollführerin, die dank ihrer großen Erfahrung auch Richtern eine echte Hilfe sein konnte. Von 2003 an saß sie im Prüfungsausschuss für die Justizfachangestelltenausbildung, zwischen 2010 und 2014 achtete sie als Frauenbeauftragte am Gericht auf die Belange der Gleichstellung.

Sehen lassen kann sich ihr Tempo auf der Tastatur: Durchschnittlich 57 208 Anschläge pro Tag (119 pro Minute), gerechnet auf einen ganzen Monat – dafür gab es im September 1978 eine Leistungszulage. Verdient ist verdient.




Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Kommentare