SZ/LZ-Sommerabenteuer: Was Leser in der Wildtierstation Sachsenhagen erlebten
SACHSENHAGEN. Man kann nicht wirklich sagen, man wäre am Anfang nicht gewarnt gewesen: „Sie werden viele Gehege sehen“, erklärt Jürgen Müller, „und diese Gehege sind auch alle besetzt. Aber Sie werden nicht viele Tiere sehen.“ Müller ist Cheftierpfleger in der Wildtier- und Artenschutzstation, eine vom Land Niedersachsen anerkannte Auffangstation. Hier finden verletzte und verwaiste einheimische Wildtiere medizinische Versorgung und eine artgerechte Bleibe für die Zeit der Genesung. Oberstes Ziel ist die Auswilderung der rehabilitierten Tiere.
Rund 3000 Tiere werden jährlich aufgenommen und versorgt, „und 50 Prozent werden wieder ausgewildert“, erklärt Müller Zuhörern, „das ist eine gute Quote.“ Seine Zuhörer sind Leser unserer Zeitung, das Sommerabenteuer führt an diesem Tag auf ein ehemaliges Bundeswehrgelände, daher bieten zwei Dutzend überirdische Bunker auch ausreichende Lagerfläche, dienen als Werkstatt oder als Winterquartier für Igel, Schildkröten oder Fledermäuse, die im „Überwinterungsbunker“ auf die ersten Sonnenstrahlen im Frühling warten.
Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen sucht immer ehrenamtliche Mitarbeiter
20 Hektar ist das Gelände groß, allein 300 Greifvögel werden hier versorgt, Opfer von Verkehrsunfällen, von Hochspannungsleitungen oder großen Glasflächen, Stacheldraht, und Müller erklärt, dass sie nach einer Woche in der Wildtierstation als Langzeitpatient eingestuft würden, die – wie der Mensch auch – eine Reha benötigen würden, für ihr Gehirntrauma oder einen Geflügelbruch. Seit 23 Jahren gibt es die Sachsenhäger Station: Drei Tierpfleger, eine medizinische Fachangestellte, eine Tiermedizinerin, die zweimal die Woche vorbeischaue, zwei Bürokräfte in Teilzeit, der Chef: „Wir brauchen 20 Leute“, führt Müller aus, daher werden immer Ehrenamtliche oder junge Menschen gesucht, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr einlegen.
Was stets einen Personalwechsel bedeutet, der genau einmal im Jahr abläuft. Das sei ein bisschen schade, meint Müller, denn vieles, was man hier für die Arbeit mit den Tieren wissen müsse, „das steht in keinem Buch, da braucht man Erfahrung“, und das treffe auch auf ihn zu, „ich bin seit 20 Jahre hier und lerne noch immer jeden Tag.“
Wildtierstation Sachsenhagen pflegt verletzte Tiere und betreibt aktiven Artenschutz
Viel Platz haben zwei unterschiedliche alte Störche, denn sie leben jetzt im Gehege, in dem sich bis vor einiger Zeit Graugänsen und Stockenten tummelten,, dann kam die Vogelgrippe, „ das Veterinäramt meinte, wir sollten das nun mal lassen mit den Enten und Gänsen“, sagt Müller, und er findet den Entschluss völlig richtig: „Sonst hätten wir die Vogelgrippe mehrmals in den Gehegen, aber hundertprozentig.“
In der Station wird nicht nur gehegt und gepflegt, verarztet und ausgewildert, sondern auch Artenschutz betrieben, und damit ein freundliches Hallo an den letzten Europäischen Nerz in der Station, der aber keine Lust auf fremden Besuch hat und sich nicht blicken lässt. Er ist ja nicht Iwan, aber dazu gleich mehr. Der Europäische Nerz war nahezu ausgestorben, bevor er überhaupt erforscht werden konnte, sagt Müller, heute ist er stärker vom Aussterben bedroht als das Nashorn, Jagd, Wasserverschmutzung und vor allem die Lebensraumzerstörung setzen ihm zu, „der Nerz ist eine Tierart ohne Lobby.“ Aber hier in Sachsenhagen wird seit 2010 Nerze für die Wiederansiedlung gezüchtet,, fünf Jahre später haben sich die Tiere in Freiheit vermehrt. Das Projekt ist ausgelaufen, ein Nerz lebt noch hier.
Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen kümmert sich nicht um Haustiere
Haustiere fallen nicht in die Sachsenhäger Zuständigkeit, zwei Ausnahmen gibt es, erstens die Hühner, und tatsächlich ist eins am großen Freigehege ausgebüxt und läuft nun am Außenzaun hoch und runter, ohne da sich eine Lücke findet, und, zweitens, die Mini Pigs, das sind kleine Schweine, bei denen der Halter irgendwann doch nicht übersehen konnte, dass sie für eine Haltung in der Wohnung doch nicht so optimal geeignet sind, in Sachsenhagen werden traditionell zwei Schweine aufgenommen, mehr nicht, eins heißt Costa, eins hat noch keinen Namen, es eilt ja nicht, denn hier erhalten sie ihr Gnadenbrot. Bis sie sterben, sind eventuell angelegte Wartelisten vermutlich verdammt lang geworden: Die Mini-Schweine werden bis zu 15 Jahre alt.
Lange Beine, kleiner Kopf mit großen Ohren: In diesem Gehege lebt ein Serval, sagt Müller, eine afrikanische Wildkatze, und daher alles andere als zahm, der Serval ist einzelgängerisch und wild. Die große Katze hat sich in eine Ecke ihres Geheges zurückgezogen, sie hat wohl schlechte Laune: Wer sich ihr nähert, dem zeigt sie ihre Zähne. Sie sehen waffenscheinpflichtig aus.
Cheftierpfleger erklärt: Ausgewilderte Hirsche sollten nicht auf den Menschen zugehen
Dann Iwan, und der freut sich sichtlich, wenn er Besuch von den Menschen erhält, und genau dies ist das Problem, erklärt Müller: Ausgewilderte Hirsche sollten nicht auf den Menschen zugehen, sondern besser flüchten. Iwan ist ein Prinz-Alfred-Hirsch, Anfang der 80er Jahre schien diese Hirschart ausgestorben zu sein. Heute führt ein Mitarbeiter im Zoo Landau in der Pfalz das Zuchtbuch aller Prinz-Alfred-Hirsche, und Iwan muss sich in dieser Frage nichts nachlassen sagen. Er stammt aus dem Zoo Landau, hat in Polen gelebt und dort mit zwei Hirschkühen Nachwuchs produziert, jetzt ist er wieder in Lande und sollte eigentlich schon an anderer Stelle eingesetzt werden, doch die Zucht ist dummerweise nicht weitergegangen, erklärt Müller, aber sie wird weiterhin mit dem hier zwischengeparktem Hirsch geplant. Also durchhalten, Iwan. Denn Hilfe wird kommen, das sagt schon der Name: Iwan heißt übersetzt: „Der Herr ist gnädig.“
Dann geht es bei den Luchsen vorbei, schweigend, sie sollen sich gar nicht erst an Menschen gewöhnen. Dass eine angenagte Rehkeule von der Gehegedecke hänge, habe seinen Sinn, erklärt Müller, die Tiere sollen trainieren, und das Fressen fällt schwerer, wenn die Keule schaukelt und nicht nur tot auf der Erde liegt. Es wird vor allem Reh gefüttert, von örtlichen Jägern, „Fallwild“, sagt Müller, Tiere, die auf der Straße einen Zusammenstoß nicht überlebt haben. Überhaupt die Luchse, erzählt Müller weiter: Sie sind nahezu im gleichen Alter, da können sie miteinander spielen und sich gegenseitig Sozialverhalten beibringen.
Wildtierstation Sachsenhagen: Viele Tiere zu sehen, viele Geschichten zu hören
Vor den Papageien wird Müller grundsätzlich. Es sei keine gute Idee, sich einen für die Wohnung zu kaufen, ganz sicher nicht, denn erstens seien die Tiere soziale Wesen, es müssten also mindestens zwei Tiere sein, mit Außenvoliere, damit es den Vögeln gut gehe. So ein Papagei werde ja oftmals alt wie ein Mensch. Und wenn Papagei spreche, dann nicht, damit der Mensch sich freue: „Er versucht, in seiner Einsamkeit auf irgendeinem Weg einen sozialen Kontakt aufzubauen.“
Nach 90 Minuten muss der Reporter weiter, es gab doch viele Tiere zu sehen und noch mehr gute Geschichten zu hören. Auf dem Weg zurück wird Costa noch kurz gekrault, der Nerz lässt sich immer noch nicht blicken und das Huhn läuft außen am Zaun auf und ab. Unermüdlich, hoch und runter, auf und ab.
SZ/LZ