Schwerer Diphtheriefall in Brandenburg

„Nur weil wir die Krankheit nicht sehen, sind die Erreger nicht verschwunden“

Bernhard Kosak ist Leiter des Departments für Pädiatrische Notfall- und Intensivstation des Klinikums Ernst von Bergmann.

Potsdam. Im 19. Jahrhundert starben allein in Deutschland 50.000 Kinder jährlich an Diphtherie. Heute ist die Krankheit dank Impfungen nahezu ausgestorben. In Potsdam gab es fast 25 Jahre lang keinen bestätigten Diphtherie-Fall mehr – bis jetzt. Ende September ist ein zehn Jahre alter Junge aus dem Havelland schwer erkrankt in der Potsdamer Kinderklinik aufgenommen worden. Er war ungeimpft. Im Interview spricht der Leiter der Kinder-Notaufnahme, Bernhard Kosak, über eine Krankheit, die heute kaum noch jemand kennt, die ihren Schrecken aber nicht verloren hat.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Herr Kosak, wie oft haben Sie Diphtherie schon behandelt?

Bernhard Kosak: Noch nie. Das war das erste Mal. Ich kenne auch keine Kollegen, die schon mal ein Kind mit Diphtherie behandelt haben. Auch keine der deutlich älteren Ärzte.

Das Kind kam laut Gesundheitsamt mit einer akuten Mandelentzündung zu Ihnen in die Notaufnahme. Wie ist Ihr Team so schnell darauf gekommen, dass es Diphtherie sein könnte, wenn man die Krankheit doch nie sieht?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das ist im Studium noch eine absolute Standardfrage, das fällt unter den Komplex fast ausgerotteter Kinderkrankheiten. Jeder angehende Arzt hat mal Fotos gesehen.

Woran haben Sie es konkret erkannt?

Typisch für Diphtherie sind Beläge im Rachen, die sich durch Wischen nicht entfernen lassen. Sie bilden Membranen, feste Gewebebänder. Das haben die Kollegen, ich selbst war in dem Moment nicht beteiligt, absolut schnell erkannt.

Schwer erkrankter Junge: Das macht die Diphtherie so gefährlich

Was ist das Gefährliche an der Krankheit?

Historisch war die Hauptkomplikation, dass die Atemwege so stark zugeschwollen sind, dass die Kinder nicht mehr atmen konnten und erstickten. Das können wir heute behandeln. Was wir aber auch heute nicht wirklich beeinflussen können, sind die Schäden am Herzmuskelgewebe und an den peripheren Nerven. Da wirkt das Gift der Diphtherieerreger direkt und dagegen gibt es nicht viele Mittel.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Bernhard Kosak ist Leiter des Departments für Pädiatrische Notfall- und Intensivstation des Klinikums Ernst von Bergmann.

In diesem Fall haben Sie ein Antitoxin eingesetzt.

Das ist das einzige Mittel, das wir haben. Das muss man so schnell wie möglich geben. In der Regel hat man als Arzt dann noch keinen Befund; man gibt dieses Mittel allein auf den klinischen Verdacht hin. Die bakteriologische Anzucht im Labor für den gesicherten Befund braucht ein bis drei Tage, und dann wäre es schon zu spät, um das Antitoxin einzusetzen. Das heißt, man muss hoffen, dass der Arzt diese Krankheit, die er noch nicht gesehen hat, richtig einordnet, um dann schnell das Antitoxin zu geben, was ein Reimport aus Brasilien ist.

Woher kommt dann dieses Medikament so schnell?

Für derart selten benötigte Medikamente gibt es in Deutschland Speziallager. Dort kann unsere Krankenhausapotheke das Medikament anfordern und es mit dem Taxi abholen lassen.

Was bewirkt dieses spezielle Medikament?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dieses Antitoxin wirkt gegen das Gift, aber nur, wenn man es so früh wie möglich einsetzt. Diphtherie-Toxin, was schon im Gewebe angedockt hat, kann nicht mehr eliminiert werden. Hergestellt wird das Serum, indem man Pferde mit Diphtherieerregern infiziert und es dann aus dem Blut gewinnt. Das läuft noch genauso wie zu Zeiten von Emil von Behring. An der Charité in Mitte gibt es die Gewölbe unter der S-Bahn. Dort hat man damals die Pferde gehalten, die zur Serum-Gewinnung mit den Erregern infiziert wurden.

Antitoxin im Kampf gegen die Diphtherie – Serum stammt vom Pferd

Sie müssen also ein Serum vom Tier einsetzen?

Es sollte auch ein gentechnisches Serum geben, das ist nicht auf dem Markt. Wohl auch, weil es nahezu nicht mehr gebraucht wurde. Für das Antitoxin gibt es heute weltweit nur noch sehr wenige Hersteller. Und dieses Antitoxin ist auch nicht unproblematisch. Das Gefährliche an dem Serum ist, dass es vom Pferd und nicht vom Menschen stammt. Als Mensch können wir dagegen sehr stark allergisch reagieren, eine schwere anaphylaktische Reaktion erleiden. Vor allem, wenn man es ein zweites Mal nehmen muss.

„Wenn die Kinder eine Herzmuskelentzündung bekommen, liegt die Sterblichkeit bei mehr als 50 Prozent – heute noch, in Deutschland.“

Bernhard Kosak

Departmentleiter Pädiatrische Notfall- und Intensivmedizin

Warum ein zweites Mal. Bin ich nach einer Infektion nicht geschützt?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Nein. Diphtherie hinterlässt keine Immunität, das heißt, man ist auch dann nicht geschützt.

Wenn Sie das Antitoxin rechtzeitig geben, werden Betroffene dann wieder gesund?

Das kommt darauf an. Es gibt Chancen auf vollständige Ausheilung der Krankheit. Aber es gibt auch ein durchaus hohes Risiko, dass die Toxine das periphere Nervensystem befallen, was zu Lähmungen führen kann. Und es besteht die Gefahr, dass sich der Herzmuskel entzündet. Diese Herzmuskelentzündung bei Diphtherie verläuft ausgesprochen schwer, führt zu erheblichen Rhythmusstörungen. Die Kinder mussten früher sechs bis acht Wochen liegen, weil die Gefahr bestand, dass sie bei Belastung auch sechs Wochen nach vermeintlicher Ausheilung der Krankheit noch an einem plötzlichen Herztod sterben. Dieses Risiko ist bei Diphtherie nach wie vor ausgesprochen hoch.

Wie hoch ist die Sterblichkeit?

Wenn die Kinder eine Herzmuskelentzündung bekommen, liegt die Sterblichkeit bei mehr als 50 Prozent – heute noch, in Deutschland. Wenn der Herzmuskel versagt, können wir ihn nicht reparieren. Dann kann man nur hoffen, dass er ausheilt.

In der DDR war die Diphtherie-Impfung Pflicht – warum das heute nicht mehr so ist

In der DDR war die Diphtherie-Impfung Pflicht. Sollte man darüber angesichts der zunehmenden Impfmüdigkeit wieder nachdenken?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Lange hieß es, das geht nicht. Es gibt ein in der Verfassung verbrieftes Recht der Eltern, Entscheidungen über die Erziehung und die Gesundheit ihres Kindes frei zu treffen. Jetzt gibt es bei Masern inzwischen eine Quasi-Impfpflicht, die regelt, dass Kinder nur Masern-geimpft eine Gemeinschaftseinrichtung besuchen dürfen. Seitdem sind viele ungeimpfte Kinder zumindest einmal gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft. Das hat also einen Effekt. Das Problem ist: Man kann – und deswegen ist es auch egal, was ich glaube – einen solchen Schritt mit unserer Verfassung nur vereinbaren, wenn man andere schützt. Und das ist bei Diphtherie oder auch Tetanus nicht der Fall, denn diese Impfungen schützen nur den Geimpften.

Bei Masern ist das anders?

Ja. Masern sind extrem ansteckend. Der Impfstoff unterbricht die Übertragungsketten und das ist wichtig, denn es gibt sehr viele Menschen, die man nicht schützen kann. Diesen Impfstoff kann man erst mit einem knappen Jahr geben. Babys sind also hoch gefährdet und darauf angewiesen, dass alle anderen um sie herum geimpft sind. Bei Tetanus und Diphtherie schütze ich eben nur mich. Ich kann in diesem Land niemandem zu seinem eigenen Glück zwingen. Das ging in der DDR, aber das war eine Diktatur.

Wenn Sie mit Eltern sprechen, die ihrem Kind diesen Schutz nicht geben wollen, die Impfung also ablehnen, wie argumentieren die Ihnen gegenüber?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Was wir oft hören, ist die Argumentation: Wenn alle anderen geimpft sind, passiert meinem Kind auch nichts. Unabhängig davon, dass man das ethisch sehr fragwürdig finden kann, stimmt das zum Beispiel bei Tetanus nicht und, wie wir jetzt gesehen haben, eben auch bei Diphtherie nicht. Viele denken, dass die Ärzte diese Krankheiten heutzutage schon behandeln können. Aber so ist es in vielen Fällen eben nicht. Das stimmt nicht für Meningokokken, nicht für Pneumokokken, nicht für Masern, Mumps, Röteln, nicht für Diphtherie und Tetanus. Die kann ich eben nicht oder nur bedingt behandeln – ein hohes Risiko für Folgeschäden bleibt.

Ein Zimmer auf der Kinder-Intensivstation Potsdam.

Wo infiziert man sich mit Diphtherie?

Tetanus kann ich mir bei jeder Bagatell-Verletzung holen, die Bakterien kommen weltweit vor – etwa in Straßenstaub. Aber wo infiziert man sich mit Diphtherie?

Diese Erreger kann man nicht ausrotten. Es gibt Erreger, die verschwinden, wenn wir mehr als 95 Prozent impfen. Polio etwa ist fast verschwunden von der Welt, in Deutschland ist die Polio verschwunden. Die Pocken sind weltweit ausgerottet. Das sind meist Viren, bei denen das funktioniert. Die Diphtherie ist als Krankheit, als schwere toxinbedingte Diphtherie, ausrottbar, aber wir können den Erreger nicht von der Oberfläche der Erde verschwinden lassen. Das liegt daran, dass sich die Impfung gegen das Gift richtet und nicht gegen den Erreger.

Das heißt, wir tragen diesen Erreger alle fleißig durch die Gegend?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Nein. Zum Glück nicht, und deswegen passiert es trotz sinkender Impfbereitschaft der Menschen nur sehr, sehr selten, dass sich jemand infiziert. Wir machen sehr oft Rachenabstriche, die wir auf Bakterien untersuchen, und ich kann mich nicht entsinnen, dabei je einen Diphtherieerreger nachgewiesen zu haben. Das ist ein seltener Erreger, der aber in manchen Regionen der Welt, in Indien beispielsweise, noch ausgesprochen endemisch ist. Bei uns ist er selten geworden, aber es gibt ihn. Und das muss man sich klar machen: Auch wenn wir bestimmte Krankheiten bei uns nicht mehr sehen, sind die Erreger nicht verschwunden. Wir haben nur die schweren Folgen dieser Krankheiten fast ausgemerzt – dank Impfungen.

Ist das auch der Grund, warum Menschen eine Diphtherie-Impfung für unnötig halten? Weil sie die Schrecken und schweren Folgen dieser Krankheiten nicht mehr kennen?

Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe. Und ich kann das ein Stück weit sogar verstehen. Man hat ein gesundes Kind, gibt ein Medikament in den Muskel, das womöglich sogar Nebenwirkungen hat… das macht einigen Eltern Angst. Und die Menschen erleben solche Krankheiten im Umkreis nicht mehr, sehen sie nicht mehr – warum also Angst davor haben? Als in den 1950er und 1960er Jahren noch Polio in Deutschland grassierte, haben sich die Menschen um den Impfstoff gerissen. Damals gab es in jeder Schulklasse ein Kind mit Lähmungen. Da waren die Krankheit und ihre Folgen präsent. Heute muss man Wissenschaftlern und Ärzten glauben. Und das fällt vielen Leuten schwer.

Erkranktes Kind aus dem Havelland war nicht geimpft – aus Angst vor Impfschäden?

Es gibt aber auch die Angst vor einem Impfschaden. Was genau ist das und wie oft kommt das vor?

Bei Kindern gibt es im Gesundheitsbereich zwei Bereiche, die sind perfekt überwacht: Krebserkrankungen und Impfschäden. Der Impfschaden ist etwas, das über die üblichen Nebenwirkungen hinausgeht, mitunter dauerhaft besteht. Eine Impfreaktion muss man davon abgrenzen. Das ist z. B. Fieber. Für viele Laien ist aber auch ein Krampfanfall nach einer Impfung ein Impfschaden. Das ist es nicht. Kinder unter sechs Jahren neigen bei Fieber eher mal zu einem epileptischen Gelegenheitsanfall – einem „Fieberkrampf“. Dabei ist es egal, ob sie eine echte Infektion haben oder eine Impfreaktion. Das sind Kinder, die dazu neigen, und diese Anfälle sind harmlos. Das ist kein Impfschaden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Was ist dann ein Impfschaden?

Es gab in den letzten Jahren eine Assoziation mit dem Windpocken-Impfstoff und Krampfanfällen sowie eine sogenannte Immunthrombopenie, bei der die Blutplättchen runtergingen. Beides sind Krankheiten, die ohne Folgeschäden ausheilen. Trotzdem reagiert man darauf, ändert das Impfschema, man wählt einen anderen Impfstoff. Sobald so etwas auftaucht, wird der Impfstoff nochmal angeschaut. Und deswegen sind viele Impfstoffe über die Jahre nochmal geändert, die Dosierung angepasst worden.

Dieses Interview erschien erstmals in der Märkischen Allgemeinen Zeitung - Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland.

SZ/LZ Inhalte als bevorzugte Quelle markieren — dann erscheinen unsere Artikel häufiger in Ihren Google-Schlagzeilen.Inhalte in den Google-Schlagzeilen bevorzugen?
Bevorzugen