Kitsch im Glas: Cocktails sind nun „cringe“
Ginge es bei Cocktails allein um Trends, müsste der Martini wohl demnächst von der Getränkekarte weichen: Denn als meist farbloser Drink und mit einer Deko, die aus einem Zahnstocher und einer Olive besteht, ist der Martini optisch der nahezu langweiligste Drink der Welt. Aktuell können Cocktails gar nicht außergewöhnlich genug sein. Cringe Cocktails nennen sich die Drinks der Stunde, an denen Trendbewusste in lauen Nächten unter Palmen, am Tresen der Stammbar oder bei der Sommerparty im Garten nippen.
Cringe, spätestens seit seiner Wahl zum Jugendwort 2021 durchaus geläufig, wird umgangssprachlich meist für „peinlich“ oder „zum Fremdschämen“ benutzt. Wortwörtlich bedeutet es „zusammenzucken“ oder „erschaudern“ – also genau die Reaktion, die ein Cringe Cocktail hervorrufen soll.
Knallige Farben, üppig garniert
Primär geht es dabei um die Optik: So leuchten die Drinks oft in knalligen Farben, sind üppig mit Obst, Grünzeug oder Gemüse garniert oder warten in Gläsern mit glitzerndem Zuckerrand darauf, erst ausgiebig bewundert und dann genossen zu werden. Dass ausgerechnet solche auffälligen Drinks gerade so beliebt sind, liegt auch daran, dass sie sich besonders gut auf Fotos in sozialen Netzwerken machen.
Der Spirituosenhersteller Bacardi lässt sich in seinem diesjährigen Trendreport noch zu einer anderen Erklärung hinreißen: Es gebe einfach mehr „ästhetisch orientierte Trinker“ als bisher.
In der Regel sind Cringe Cocktails süß, bunt, fruchtig und auf eine gewisse Weise verspielt. Oft sollen sie ein bestimmtes Gefühl vermitteln. Manche lassen an schier endlose Sommer denken, andere an Barbies pinkfarbene Plastikwelten oder an einen Regenbogen im Glas. Bacardi geht in seinem Trendreport sogar so weit, aktuell beliebte Cocktails als „Eskapismus-Elixiere“ zu bezeichnen: Demnach sollen insbesondere „kitschige“ Drinks für Momente sorgen, die dazu einladen, gedanklich in andere Länder oder sogar Epochen zu reisen.
Macht das Drumherum den Cocktail wirklich besser?
Ein Ausflug ins Märchenreich gelingt zum Beispiel mit einem von Zuckerwatte gekrönten Drink, der sich auch Fairy-Floss-Cocktail nennt. Für Sonnenanbeter eignet sich ein Malibu-Sunset-Cocktail. Wer es gern besonders bunt mag, greift dagegen zum Paradise-Rainbow-Cocktail. Und Nostalgiker trinken einen Dirty Shirley Float, die alkoholische Variante des auf Gingerale und Zitronenlimonade basierenden Shirley Temple, der wiederum eine Hommage an den gleichnamigen Hollywoodkinderstar der Dreißigerjahre ist.
Bei Bedarf lässt sich aber nahezu jeder beliebige Cocktail oder auch der alkoholfreie Mocktail in eine Cringe-Variante verwandeln: Schon ein Rand aus bunten Zuckerstreuseln, Kokosraspeln oder Schokolade am Glas macht einiges her, genau wie eine Schaumhaube mit essbaren Blüten darauf.
Ob das ganze Drumherum einen Cocktail wirklich besser macht, sei dahingestellt. Wer etwa bei der Gartenparty selbst Cringe Cocktails anbieten will, gerät zudem schnell unter Zeit- und Perfektionsdruck. Und bestellt man einen der aufwendig dekorierten Drinks in der Bar, dürfte es vielen Menschen schwerfallen, nicht das Handy zu zücken und stattdessen ganz den Moment zu genießen. Zumal jedes geteilte Bild eines Cringe Cocktails in den sozialen Medien den Anschein von Dauerspaß und Perfektion untermauert, die sich im echten Leben bekanntlich selten finden. In dieser Hinsicht wäre ein Martini also sicher die ehrlichere Wahl.