Kommentar zum Protesttag

Von wegen kaputtsparen: Mediziner verdienen genug Geld

Ärzte gehen bei dem Protestmarsch „Ärzte in Not“ durch Berlin-Mitte.

In einem einzigen Punkt haben die Ärzte­verbände recht: Im politischen Fokus von Bundes­gesundheits­minister Karl Lauterbach stehen derzeit die Krankenhäuser und nicht die niedergelassenen Ärzte. Das ist allerdings auch richtig so, denn im Bereich der Kliniken besteht ein existenzieller Reform­bedarf, der unmittelbar die Qualität der medizinischen Versorgung von Patientinnen und Patienten betrifft. Um finanziell überleben zu können, werden zu viele künstliche Hüft- und Kniegelenke eingesetzt, Wirbelsäulen operiert oder Herzkatheter­eingriffe vorgenommen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Von finanziellen Problemen im ambulanten Sektor kann dagegen keine Rede sein. Ärztinnen und Ärzte gehören zu den bestbezahlten Berufs­gruppen in Deutschland. Ein Praxis­inhaber erwirtschaftete nach neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes 2021 einen sogenannten Reinertrag von durchschnittlich 237.000 Euro im Jahr. Das sind monatlich fast 20.000 Euro. Das Spektrum reicht von 220.000 Euro für Hausärztinnen und ‑ärzte bis zu 451.000 Euro bei Radiologen. Der Reinertrag ist etwa vergleichbar mit einem Brutto­einkommen, wobei die niedergelassenen Mediziner im Gegensatz zu Angestellten ihre Sozial­versicherungen allein bezahlen müssen.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Unterm Strich dürfte dennoch ein monatliches Netto in der Größenordnung von 8000 Euro stehen, was ein durchaus üppiges Salär ist – selbst unter der Annahme, dass viele Mediziner mehr als 38 Stunden die Woche arbeiten. Von einem „Kaputtsparen“ der Arztpraxen kann mithin nicht die Rede sein. Auch ein Blick auf die jährlichen Honorar­steigerungen lässt diese These nicht zu: Seit 2019 sind die Reinerträge um jährlich 5 Prozent gestiegen. Und bei den gerade zu Ende gegangenen Honorar­verhandlungen wurde für das kommende Jahr ein Plus von knapp 4 Prozent für den ambulanten Sektor vereinbart. Sparen sieht anders aus.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch mit Zulagen gelingt es nur schwer, Hausärzte in die Provinz zu locken

Vollends schräg wird es, wenn der Virchowbund die angeblich geringen Gehälter dafür verantwortlich macht, dass immer mehr Praxen ohne Nachfolger schließen müssen. Dabei gibt es genug Erfahrungs­werte, die zeigen, dass es selbst mit Zulagen nur schwer gelingt, zum Beispiel Hausärzte in die Provinz locken. Sie wollen nicht mehr Geld, sie wollen ordentliche Schulen für den Nachwuchs oder attraktive Freizeit­angebote. Das ist mehr als berechtigt, aber keine Aufgabe für das Gesundheits­wesen. Gleichwohl gibt es gezielte Förder­maßnahmen, etwa Investitions­zulagen im fünfstelligen Bereich.

Ein weiterer Kritikpunkt der Ärzte­verbände ist die Budgetierung. Wird eine bestimmte Leistungs­menge überschritten, werden die darüber hinaus­gehenden Behandlungen geringer vergütet. Das ist ein wesentliches Element, um die Ausgaben, immerhin bezahlt aus den Einkommen der Beschäftigten, nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Ärgerlich für die Ärzte, aber mit Blick auf das hohe Niveau ihrer Bezahlung vertretbar. In der Kinder- und Jugend­medizin, wo es besonders große Engpässe gibt, sind die Budgets im Übrigen bereits abgeschafft. Die Hausärzte sollen laut Koalitions­vertrag folgen, was ebenfalls sinnvoll erscheint und kaum zu einem Ausgaben­schub führen dürfte. Schließlich bedeutet schon der Personal­mangel selbst eine Kostenbremse.

Keine Frage: Nötig sind Schritte, um angesichts des demografischen Wandels die flächen­deckende medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten. Die Lösungen sind bekannt, sie müssen nur konsequent umgesetzt werden: mehr Medizin­studienplätze, eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung oder der Einsatz von Telemedizin, um nur einige zu nennen. Eines macht mit Blick auf die notwendige Gewinnung junger Menschen aber überhaupt keinen Sinn: die Lage des eigenen Berufsstandes übertrieben schlechtzureden.

SZ/LZ Inhalte als bevorzugte Quelle markieren — dann erscheinen unsere Artikel häufiger in Ihren Google-Schlagzeilen.Inhalte in den Google-Schlagzeilen bevorzugen?
Bevorzugen