Mitgefühl für die Opfer des RAF-Terrors
Der bayerische Innenminister Joachim Hermann hat die Errichtung eines zentralen Mahnmals für die Opfer des Terrors durch die Rote Armee Fraktion (RAF) gefordert. Und er kritisierte, dass 40 Jahre nach der kaltblütigen Ermordung des Siemens-Managers Karl Heinz Beckurts und seines Fahrers Eckhard Groppler in Straßlach bei München noch immer ehemalige RAF-Mitglieder wie die 2024 festgenommene Daniela Klette als „linke Revolutionärinnen“ verklärt würden.
Es hätte der Gesellschaft gutgetan, hätten sozialdemokratische, grüne oder linke PolitikerInnen Ähnliches gefordert. Von Unions-Politikern wie Joachim Hermann überrascht dagegen so ein Vorstoß nicht.
Divergierender Blick auf die „bleierne Zeit“
Weil sich die demokratische Mehrheitsgesellschaft auch 56 Jahre nach Beginn des RAF-Terrors einen divergierenden Blick auf diese „bleierne Zeit“ der noch jungen Bundesrepublik leistet. Und das ist, mit Verweis auf die heutige Bedrohung der liberalen Demokratie durch Extremisten, in jedem Fall fatal. Weil es für überzeugte Demokratinnen und Demokraten keinen Grund geben darf, der es rechtfertigt, eine liberale Ordnung mit Bomben und Terror zu attackieren, zumal zum Preis von 34 Todesopfern und zahlreichen Verletzten.
Die jungen Frauen und Männer, die sich damals anmaßten, dem „Schweinesystem“ und im Gleichklang Millionen Menschen, die sich darin eingerichtet hatten, den Krieg zu erklären, waren keine verirrten Idealisten, keine Revolutionäre, keine Vorkämpfer für eine bessere Welt. Sie waren Mörder und standen mit ihrer Geringschätzung des Lebens Unbeteiligter in der widerlichen Tradition ihrer Elterngeneration, die 30 Jahre zuvor die Welt in Brand gesetzt hatte.
Angesichts von Joachim Hermanns Vorstoß darf man natürlich die Frage stellen, ob ein Mahnmal überhaupt noch zeitgemäß ist. Ob das eine adäquate Maßnahme ist, diesem historischen Malus, dem fehlenden Gedenken an die RAF-Opfer und der vorbehaltlosen Ablehnung von Gewalt zur Umsetzung politischer Ziele, entgegenzuwirken.
Stein gewordene Kommunikation
Die große Zeit der Denkmäler war das 19. Jahrhundert. Sie waren die Stein gewordene Kommunikation einer autoritären Gesellschaft mit den Bürgern, oft die Historie von Nation und Vaterland verklärend und stets mit dem Ziel, eine nationale Identität zu stiften.
„Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen der Mitmenschen“, hat der Pazifist und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer gesagt. Was das Problem im Kern trifft: So wichtig unsere Mahnmale und Gedenkstätten sind, die an Shoah, an Porajmos (Völkermord an Sinti und Roma), an die systematische Verfolgung und Vernichtung queerer oder als asozial abgestempelter Menschen in der NS-Zeit erinnern. Im Kampf gegen Antisemitismus, Antiziganismus, Homophobie bewirken sie kaum etwas. Vor allem dürfen sie kein steinernes Alibi sein, ein Ort für Sonntagsreden, der die viel anstrengendere innergesellschaftliche Kontroverse ersetzt.
Spätestens in einem Jahr, wenn sich der sogenannte „Deutsche Herbst“ zum 50. Mal jährt, der einen Tiefpunkt des RAF-Terrorismus gegen die Bundesrepublik markierte, wird die Debatte über das Gedenken an die Opfer neu aufflammen. Die RAF ist Geschichte. Nicht aber der Krieg, den Extremisten der liberalen Demokratie erklärt haben.
Den Menschen, die im Krieg gegen unsere Demokratie ihr Leben ließen, ein Denkmal zu setzen, ist zweifelsfrei ein richtiger Schritt. Er ersetzt aber nicht die Überzeugung, dass es sich lohnt, diese freiheitliche Gesellschaft zu verteidigen. Dieses Bewusstsein lässt sich, um mit Albert Schweitzer zu sagen, nicht aus Stein nachbilden. Es muss in der Mehrheitsgesellschaft Herzenssache sein, um tatsächlich etwas zu bewirken.