Wenn die Gespräche in Alaska beginnen, „werden Dinge an der Front furchterregend“
Region Donezk. Jede Explosion in der Nähe lässt Erde von der Decke rieseln und die schwarze Plastikverkleidung an den Wänden herunterrutschen. Und sie kommen oft, die Einschläge und Detonationen von russischen Waffen, halten die Soldaten in ihrem Unterstand fest – es sei denn, dass sie ihn verlassen, um ihre in der Nähe verborgene M777-Haubitze einzusetzen.
Für diese Männer an der Ostfront der Ukraine deutet nichts darauf hin, dass ein baldiges Kriegsende auch nur eine Möglichkeit ist. Bemühungen um eine diplomatische Lösung fühlen sich hier, auf dem Gefechtsfeld, so weit entfernt an, dass viele der ukrainischen Verteidiger bezweifeln, dass sie Ergebnisse bringen können.
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Zur vollständigen AnsichtIhre Skepsis wurzelt in einem wiederholten und wie sie finden, gebrochenen US-Versprechen: Er werde den Ukraine-Krieg rasch beenden, hatte Donald Trump vor und nach seiner zweiten Wahl zum Präsidenten versichert - stattdessen wurden die russischen Angriffe nur noch massiver. Und dann sagte Trump kürzlich, dass es im Rahmen einer Vereinbarung mit Russland einen gewissen „Austausch von Gebieten zum Wohle beider Seiten“ geben werde, und Medienberichte legten nahe, dies würde beinhalten, dass die ukrainischen Truppen die Donezk-Region zu verlassen hätten - wo sie seit Jahren gekämpft haben, um jeden Zentimeter Land. Das hat bei den Soldaten Verwirrung und Ablehnung ausgelöst.
Trump über Alaska-Gipfel mit Putin: „Ich werde keinen Deal machen“
Vor seinem Treffen mit Kremlchef Putin dämpft US-Präsident Trump die Erwartungen – er werde „keinen Deal machen“. Vorab soll es Beratungen mit Bundeskanzler Merz, dem US-Präsidenten und den Europäern geben.
Während der Gespräche werden Wachposten verstärkt
Es gibt nur wenige, die glauben, dass die derzeitigen Bemühungen samt dem geplanten Treffen von Trump und Kremlchef Wladimir Putin den Krieg beenden können. Wahrscheinlicher sei eine kurze Waffenruhe, sagen sie, bevor Russland dann seine Angriffe mit noch größerer Wucht fortsetzen werde. Während die Gespräche liefen, „werden sie (die Russen) nur ihre Positionen an der Front verstärken“, prophezeit der Soldat Dmytro Lowinjukow von der 148. Brigade düster.
In einer der ukrainischen Artilleriestellungen drehen sich die Gespräche oft um Zuhause. Viele Ukrainer haben sich dem Militär in den ersten Tagen der russischen Großinvasion angeschlossen, ihre zivilen Jobs zurückgelassen. Manche dachten, sie würden nur kurz dienen. Andere machten sich überhaupt keine Gedanken über die Zukunft - denn in jenem Augenblick existierte sie schlicht nicht. In den Jahren seitdem sind viele ums Leben gekommen. Jene, die überlebten, befinden sich in ihrem vierten Jahr eines brutalen Krieges, weit entfernt von dem Zivilleben, das sie einst kannten. Die Mobilisierung stockt, das ukrainische Militär hat Mühe, neue Leute zu rekrutieren - da gibt es niemanden, der sie ersetzen könnte.
Trump-Putin-Gipfel in Alaska: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Es handelt sich um das erste direkte Zusammentreffen der beiden Staatsoberhäupter seit Trumps Amtsantritt im Januar 2025: Das Treffen zwischen dem US-Präsidenten und dem Kremlchef wird international mit Spannung erwartet. Was über den „Alaska-Gipfel“ bekannt ist.
Der Hauch Optimismus ist gewichen
Als im Mai direkte Gespräche zwischen Russland und der Ukraine stattfanden, reagierten die Soldaten von der 148. Brigade noch mit vorsichtiger Hoffnung, wie einer von ihnen, ein ehemaliger Tattoo-Künstler mit dem militärischen Kennnamen Bronson, schildert. Monate später erlauben sich viele nicht einmal einen Hauch von Optimismus. Allenfalls etwas schwarzen Humor. Am Abend vor dem Ende einer Frist, die Trump Putin für eine Waffenruhe gesetzt hatte und die seitdem vor dem Hintergrund des geplanten Treffens der beiden Präsidenten am Freitag in Alaska von der Agenda verschwunden ist, feuerten die Russen stundenlang pausenlos. Das sei, weil die „Frist am Auslaufen ist“, witzelten ukrainische Soldaten.
Nördlich von Donezk gibt es heftige Kämpfe in Richtung Pokrowsk, jetzt das Epizentrum der Gefechte. Die Stadt, die einst 60.000 Menschen beheimatete, steht seit Monaten unter russischem Beschuss und ist von den Angreifern eingekesselt. Aber die Ukrainer halten hier noch die Stellung, und es hat bislang keine Straßenkämpfe gegeben. Mittlerweile sind aber fast täglich Berichte über eindringende russische Saboteure aufgetaucht, doch das Militär versichert, dass man sie ausgeschaltet habe.
Vorbereitung auf weitergehenden Krieg
Soldaten der „Spartan“-Brigade, einer Sturmbrigade der ukrainischen Nationalgarde, trainieren für den Einsatz auf dem Schlachtfeld in der Gegend von Pokrowsk, alles im Übungsbereich spiegelt die realen Kampfbedingungen wider - sogar das Terrain. Ein dünner Streifen Wald unterbricht die ausgedehnten Felder mit Sonnenblumen, die sich bis in die Ferne erstrecken, wo die nächste Baumgrenze auftaucht. Einer der Soldaten, die hier üben, ist ein 35-Jähriger mit dem Kennnamen Komrad, erst seit Kurzem beim Militär. Er macht sich keine Illusionen über ein baldiges Kriegsende, wie er sagt. „Meine Motivation ist, dass es schlicht keinen Weg zurück gibt. Wenn du beim Militär bist, musst du kämpfen.“
Es mag eine Waffenruhe geben, aber keinen Frieden.
Serhij Filimonow,
Kommandeur der „Da-Vinci-Wölfe“
Serhij Filimonow ist der Kommandeur der „Da-Vinci-Wölfe“, einem Bataillon der 59. Brigade. Auch für ihn ist kein Ende des Krieges in Sicht, und die derzeitigen Nachrichten haben keinen Einfluss auf die mühsame Suche nach der nötigen Ausrüstung für die um Pokrowsk kämpfende Einheit. „Wir bereiten uns auf einen langen Krieg vor. Wir haben keine Illusionen, dass Russland aufhören wird“, sagt er. „Es mag eine Waffenruhe geben, aber keinen Frieden.“
Filimonow, der sich auf seinem Kommandoposten äußert, hat wenig Vertrauen in etwaige Vereinbarungen mit Russland, einen Gebietsaustausch eingeschlossen. So etwas wäre in seinen Augen nur eine vorübergehende Lösung. „Russland wird sein Ziel nicht aufgeben, die ganze Ukraine zu erobern“, meint er. „Sie werden erneut angreifen. Die große Frage ist, welche Sicherheitsgarantien wir erhalten - und wie wir eine Pause einlegen.“
Ein Soldat mit dem Kennnamen Mirche von der 68. Brigade sagt, wann immer es eine neue Gesprächsrunde gebe, verstärkten sich die Kampfhandlungen um Pokrowsk - Russlands Schlüsselpriorität bei der diesjährigen Sommeroffensive. Wenn Friedensgespräche beginnen, „werden Dinge an der Front furchterregend“.
RND/AP