Zu viele Ungenauigkeiten: Woran die DFB-Frauen vor dem WM-Start noch arbeiten müssen
Offenbach. Bis für die DFB-Frauen in gut vier Wochen die Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland beginnt, hat Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg noch einiges zu tun. Das ist die wichtigste Erkenntnis nach dem vorletzten Testspiel in Offenbach gegen Vietnam. So listet Voss-Tecklenburg allerhand Probleme auf, die ihr beim knappen 2:1-Sieg aufgefallen waren.
„Die Basics fehlen noch“, erklärt die 55-Jährige, und weiter: „Aber wir haben auch einen hohen Anspruch und wissen, dass wir erst bei 40 Prozent sind.“
Was lässt sich also aus dem Test gegen die Vietnamesinnen ziehen? Das RND schaut auf die zentralen Punkte.
Welche Baustellen gibt es?
Die Abwehr ist derzeit die größte Baustelle des DFB-Teams. Insbesondere in der ersten Halbzeit offenbarte die Viererkette aus Chantal Hagel (TSG Hoffenheim), Sjoeke Nüsken, Sara Doorsoun (beide Eintracht Frankfurt) und Sarai Linder (TSG Hoffenheim) Schwächen im Aufbauspiel und in der Abstimmung. Vor allem Doorosun spielte zahlreiche Fehlpässe.
Die Außenverteidigerinnen Hagel und Linder versuchten zwar immer wieder Akzente nach vorne zu setzen, aber ihre Flanken landeten oft im leeren Raum – was aber auch an der oftmals schlechten Besetzung des Strafraums lag. Nach dem verletzungsbedingtem Ausfall von Giulia Gwinn gilt besonders die Rechtsverteidigerinnenposition als vakant.
In der zweiten Hälfte konnte die Wolfsburgerin Marina Hegerin zwar etwas Stabilität in die Kette bringen, doch auch sie patzte in den letzten zehn Minuten gleich zweimal. Die Vietnamesinnen kamen daher zu zwei guten Chancen, wovon die zweite zum stark umjubelten 1:2-Anschlusstreffer führte.
Nur einen Wimpernschlag nach ihrer Einwechslung unterlief Sophia Kleinherne (Eintracht Frankfurt) ein Riesenbock. Ihr Rückpass auf Torhüterin Merle Frohms geriet viel zu kurz, sodass die Vietnamesin Pham den Ball ergatterte. Ihr Schuss landete aber nur am Außennetz.
In der Offensive ist insbesondere die Chancenverwertung und -gestaltung ausbaufähig. Viele Hereingaben konnten gar nicht erst genutzt werden, da niemand in die Nähe des Balls kam. Allgemein wäre mehr drin gewesen, wie die Spielerinnen kritisch anmerkten.
„Wir haben uns zu wenig getraut nach vorne zu gehen“, sagt Offensivspielerin Laura Freigang und bemängelt die zuweilen miserable Abstimmung. Teamkollegin Nicole Anyomi ergänzt: „Wir hätten mehr in die Breite gehen müssen.“ Auch Eins-gegen-Eins Situationen hätten sie zu selten gesucht. Für Trainerin Voss-Tecklenburg stimmt insgesamt das Zusammenspiel aus Offensive und Defensive noch nicht. „Wir wollen hohen Zugriff haben, entscheiden uns dann aber zu spät entweder höher zu gehen oder uns fallen zu lassen“, kritisiert sie.
Ist Hansi Flick noch der Richtige?
Seit dem Vorrundenaus bei der WM in Katar hat die deutsche Nationalmannschaft keinen Aufwärtstrend entwickelt, sondern konstant die Erwartungen enttäuscht. Also steht nun Bundestrainer Hansi Flick zur Debatte – so ist Fußball. Oder etwa doch nicht?
Auch an der Kommunikation auf dem Platz muss das Team noch arbeiten. In der ersten Halbzeit übernahm Sara Däbritz als Kapitänin vorwiegend die Ansagen, in der zweiten Halbzeit nahm sich Marina Hegering der Aufgabe an. Allerdings fehlte es über weite Strecken an klaren Absprachen und es wurde deutlich, dass diese Mannschaft so fast noch nie zusammengespielt hat.
Den Aussagen von Voss-Tecklenburg zufolge hapert es außerdem an der Kommunikation zwischen Trainerteam und Spielerinnen. Sie habe das Gefühl gehabt, dass noch nicht alle das System und ihre Position verstanden hätten.
Was läuft schon gut?
Die Stimmung passt. Schon bei der Ankunft im Stadion herrschte WM-Atmosphäre. Mehr als 13.000 Fans strömten an den Bieberer Berg – unter ihnen auch viele Vietnamesinnen und Vietnamesen – und feierten ihre Teams frenetisch. Die DFB-Frauen bewiesen von Beginn an: Wir sind ein Team. Das zeigte sich zum ersten Mal so richtig kurz vor dem Anpfiff, als die Spielerinnen, die heute nicht aktiv am Spielgeschehen beteiligt waren, einen Spalier bildeten, um die Startelf auf dem Weg in die Kabine zu pushen.
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Zur vollständigen AnsichtDass es im Vorfeld einen Streit zwischen dem DFB und dem FC Bayern München gab, da die Spielerinnen erst drei Tage später abgestellt wurden als vereinbart, war nicht zu spüren – unter den Spielerinnen selbst schon gar nicht.
Einige Spielerinnen sind schon in WM-Form: Insbesondere Sara Däbritz, Nicole Anyomi und Merle Frohms haben sich positiv hervorgetan. Däbritz und Anyomi waren in der ersten Halbzeit der Dreh- und Angelpunkt des Spiels und an nahezu allen Chancen beteiligt.
Entgegen der Erwartungen musste Frohms einige Male eingreifen. Ihre Stärke bewies die Torhüterin vor allem in der 42. Minute als Doung aus gut 19 Metern abzog. Der Schuss hätte perfekt in den rechten Winkel gepasst, wenn die Wolfsburgerin nicht zur Stelle gewesen wäre. Damit hat sie sich als Nummer Eins weiter gefestigt. Auch Pauline Krumbiegel (TSG Hoffenheim) zeigte mit ihrem Hackentor zum 1:0 ihr Potenzial.
Wie geht es jetzt weiter?
Was Hoffnung macht: Zahlreiche Stammspielerinnen steigen erst jetzt so richtig in die Vorbereitung ein. Bereits am Freitag kündigte Voss-Tecklenburg an, dass die Bayern-Frauen gegen Vietnam nicht zum Einsatz kommen, „weil es wenig Sinn macht“. Lea Schüller, Lina Magull, Klara Bühl, Sydney Lohmann und Carolin Simon waren daher außen vor. Auch die Wolfsburgerinnen Alexandra Popp und Svenja Huth saßen nur auf der Bank, Lena Oberdorf blieb wegen eines Infekts im Trainingscamp in Herzogenaurach.
Viele von ihnen waren entscheidend an der erfolgreichen EM im vergangenen Jahr beteiligt.
Bis zum 28. Juni dauert das erste Trainingslager in Herzogenaurach an. Voss-Tecklenburg kündigte an, die Zeit auf dem Trainingsplatz vor allem für Grundlagenarbeit zu nutzen. Das zweite Trainingslager findet dann vom 1. bis zum 8. Juli statt – mit dem letzten Testspiel gegen Sambia am 7. Juli in Fürth.
Im Anschluss wird das Trainer-Team den endgültigen 23er-Kader – fünf Spielerinnen werden noch gestrichen – für die WM bekanntgeben. Eine Tendenz ließ Voss-Tecklenburg am Samstag nicht durchblicken.