Wie der Ex-Weltmeister die verschwundenen Fans zurückerobert
Tokio. Hayato Kagawa sitzt nervös auf der Tribüne, blickt immer wieder hoch und runter. Seine Aufmerksamkeit wechselt zwischen dem, was er auf einem vor sich aufgeklappten Tablet sieht und dem, was sich vor seinen Augen im Stadion abspielt. Der Mann im knallroten Trikot sieht sich zwei Spiele parallel an, beide von seinen geliebten Urawa Red Diamonds, einem japanischen Topklub.
Im Komaba-Stadium in Urawa, einer Großstadt am Nordrand Tokios, läuft die Erstligapartie der Frauen der Urawa Reds gegen Cerezo Osaka. Digital laufen die Männer, die parallel spielen. „Unsere Frauen spielen dieses Wochenende zu Hause, die Männer auswärts“, erklärt der Fan. „Deshalb bin ich hier im Stadion.“ So mache er es praktisch jedes Wochenende – so habe er wöchentlich ein Heimspiel in seiner Heimatstadt. „Und diese Saison machen die Frauen mehr Freude. Bei den Männern der Reds läuft‘s nicht.“
So auch an diesem Wochenende: Die Männer liegen mal wieder hinten, die Frauen dagegen früh vorne, nach einer guten halben Stunde mit 3:0. Fans in der Kurve grölen Fangesänge, die sie für die Männer und Frauen verwenden. Die „Urawa Reds Ladies“ führen ihre Gegnerinnen aus Osaka vor, entsprechend gut ist die Stimmung. Aber ist sie auch gut genug?
Japans Frauen-Profiliga ist noch nicht da, wo sie sein will
Es ist ein sonniger Herbsttag, und ins Stadion sind um die 1400 Menschen gekommen, ein Großteil der Ränge ist leer geblieben. Fans wie Hayato Kagawa, die Frauen und Männer mit gleicher Begeisterung unterstützen, sind nicht der Standard. Und Japans Frauen-Profiliga, die WE League, ist noch nicht da, wo sie sein will. Dies sagt Hisako Ariga, die den Fanradiokanal der Reds verantwortet: „Die Publikumszahlen in den Ligen Deutschlands, Englands und den USA sind in letzter Zeit viel besser als hier in Japan.“
In Urawa sei die Fanszene immerhin so eingestellt, dass viele der Zuschauer sowohl die Männer als auch die Frauen unterstützen. Doch das sei nicht bei jedem Verein der Fall.
Dabei ist es nur ein gutes Jahrzehnt her, als das ostasiatische Land so etwas wie die Nation der Fußballpionierinnen war. Im Jahr 2011 holte Japan in Deutschland den WM-Titel, besiegte im Finale in Frankfurt die USA. Daheim, wo der Erfolg die Gesellschaft überraschte, waren die Fußballerinnen plötzlich so populär, dass sie den Männern die Show stahlen.
Damals kamen plötzlich 20.000 Leute in die Stadien. Alle wollten uns sehen. Wir waren ja auch erfolgreicher als die Männer. Es gab Werbeverträge, viel Aufmerksamkeit. Das hielt aber nur ein paar Jahre an, ab ungefähr 2015 sank das Interesse dann wieder.
Kozue Ando über die Jahre nach dem WM-Titel 2011
Eine der Champions war Kozue Ando, die bei den Urawa Reds Ladies heute zu den erfahrensten noch aktiven Spielerinnen gehört. Nach dem 4:0-Sieg gegen Cerezo Osaka, erinnert sich die Weltmeisterin an eine besondere Zeit: „Damals kamen plötzlich 20.000 Leute in die Stadien. Alle wollten uns sehen. Wir waren ja auch erfolgreicher als die Männer. Es gab Werbeverträge, viel Aufmerksamkeit. Das hielt aber nur ein paar Jahre an, ab ungefähr 2015 sank das Interesse dann wieder.“
Kozue Ando, heute 43, spielte auch in Duisburg, Essen und Frankfurt in Deutschlands 1. Liga: „Für Mädchen war Fußball in Japan schon länger ein Sport, auch in der Schule. Fußball galt hier nicht so sehr als Männersport wie in anderen Ländern.“ Aber Deutschland sei als Sportnation insgesamt mehr auf Fußball konzentriert. „In Japan gibt es noch andere ähnlich beliebte Sportarten, Baseball zum Beispiel.“
Japans Frauenfußball und die Vision mit der WE League
Und in Japan hielt der Frauenfußballboom nicht an. Da die Nadeshiko, wie die Nationalmannschaft der Frauen in Japan heißt, den WM-Titel bisher kein zweites Mal ins Land holen konnte, ließ das Interesse nach. In einer Zeit, in der in anderen Ländern die Begeisterung für Fußball spielende Frauen ansteigt, scheint Japan abgehängt. Bei den letzten Weltmeisterschaften zählte das Land nicht mehr zum Kreis der Favoriten. Doch nun wird wieder angegriffen.
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Zur vollständigen AnsichtAyumi Kaihori, 2011 Weltmeistertorhüterin, erzählt in einem Büroturm im Zentrum Tokios über die Vision der erst vor vier Jahren ins Leben gerufenen Profiliga WE League: „WE, also W-E, steht für Women Empowerment League: Liga zur Stärkung von Frauen“, so Kaihori. „Der Name verkörpert unser Streben nach einer Gesellschaft, in der der Beruf ‚Profifußballerin‘ in Japan fest etabliert ist.“ Gerade in Japan ist dies nicht nur fußballerisch von Bedeutung.
Das ostasiatische Land schneidet in Vergleichen der Geschlechtergleichstellung regelmäßig schlecht ab, insbesondere wegen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Die WE League setzt auch hier an: Jeder Erstligist muss derzeit mindestens 15 Spielerinnen im Kader haben, die Vollprofis sind. „Im Moment erhalten wir ein Drittel unseres Budgets, also 500 Millionen Yen, oder 2,8 Millionen Euro, vom Japanischen Fußballverband“, fügt Ayumi Kaihori hinzu.
Im kommenden Jahr soll der Betrag eigenständig eingenommen werden, unter anderem durch Sponsorenverträge. Als Direktorin der WE League will Ayumi Kaihori diese zu einer der führenden Profiligen weltweit machen. Doch der Weg ist weit: Als Kaihori noch aktive Spielerin war, war Fußball für die Weltmeisterin ein Nebenjob. So etwas will sie künftig nicht mehr sehen.
Positive Trends erkennt Kaihori schon jetzt: „Wir stehen in engem Kontakt mit der J-League, der Profiliga der Männer, und tauschen uns aus in Sachen Spielerinnenausbildung, aber auch Vermarktung.“ Ein gutes Zeichen sei, dass einige Klubs der J-League jetzt auch bei den Frauen Ambitionen zeigten. „Die meisten Klubs lassen die Frauen in den großen Stadien spielen. Die Zuschauerzahlen steigen kontinuierlich.“
Auch ein Problem in der Ausbildung sei erkannt worden: „Viele Mädchen fangen in der Grundschule mit Fußball an, müssen in der Mittelschule aber aufhören, weil Fußball dann oft nur für Jungen angeboten wird“, so Kaihori. Erst in der Oberschule können Mädchen wieder anfangen. „Aber dann haben viele Talente jahrelang kaum gespielt. Und diese Entwicklungslücke wollen wir durch die Zusammenarbeit mit Vereinen schließen.“
Es dürfte Jahre dauern, bis die Reformen Früchte tragen. Aber Früchte seien notwendig, glaubt wiederum Kaihoris einstige Mitspielerin Kozue Ando, damit sich Japans Öffentlichkeit dauerhaft für Fußball der Frauen begeistert. „Wir müssen einfach wieder erfolgreicher mit unserer Nationalmannschaft werden. Dann kommen auch die Fans zurück.“ Und dann könnten die Spielerinnen auch gesellschaftspolitisch wieder prominenter für Geschlechtergleichstellung einstehen.