Mit Vertrauen und Spaß: Wie Grambusch die Hockey-Herren zu Gold führen will
„Es ist bekloppt, aber irgendwie auch nachvollziehbar“, meint Mats Grambusch mit runzelnder Stirn. Der Kapitän der deutschen Hockey-Nationalmannschaft ist mit seinem Team vor einem Jahr Weltmeister geworden, für die Olympischen Spiele ist er trotzdem nicht qualifiziert – noch nicht. Denn: Für die Qualifikation entscheidend sind die kontinentalen Wettbewerbe. Da die Hockey-Herren bei der Heim-EM aber nur Vierter wurden, müssen sie nun einen Umweg gehen. Vom 15. bis zum 21. Januar steht ein Qualifikationsturnier im Oman an, bei dem Grambusch und Co. mindestens Dritter werden müssen.
Ob nachvollziehbar oder nicht: Das Turnier soll nur eine Zwischenstation sein. „Ich bin sicher, dass wir uns qualifizieren“, sagt der Mittelfeldspieler im Gespräch mit dem Sportbuzzer, dem Sportportal des RedaktionsNeztwerks Deutschland (RND), und fügt lachend an: „Und dann holen wir in Paris einfach Gold.“ Das dürfte wohl doch etwas schwieriger werden, gibt der 31-Jährige im Anschluss zu, dennoch ist es das klare Ziel des Teams. Schließlich arbeite keiner „per se für eine Silbermedaille“.
Das turbulente Jahr 2023
Was in der Mannschaft steckt, hat sie 2023 bewiesen. Im Januar holte das Team in einem packenden Turnier in Indien mit vielen Auf und Abs den Titel, krönte sich erstmals seit 2010 wieder zum Weltmeister. Grambusch zeigt sich stolz auf den Titel und die Leistung der gesamten Mannschaft. „Wir haben viele Leute mit unseren Auftritten imponiert, weil wir immer wieder zurückgekommen sind“, sagt er. Das hätten viele nicht so erwartet.
Die bröckelnde Sportnation: zwischen Endzeitstimmung und Olympiahoffnung
Der Leistungssport hierzulande steckt trotz gelegentlicher Überraschungen in einer tiefen Krise. Die jüngsten Blamagen im Fußball und in der Leichtathletik sind die Spitzen einer seit Jahren andauernden Abwärtsspirale. Der Blick in ein System, das vor allem ein Problem loswerden muss: den Zeitfresser Bürokratie.
Der 31-Jährige hebt dabei insbesondere das Viertelfinale gegen England hervor. Bis zum letzten Viertel hatte Deutschland 0:2 zurückgelegen, dann trafen sowohl Mats als auch sein Bruder Tom Grambusch zum Ausgleich, Deutschland siegte im Penalty-Schießen. „Man braucht so eine dicke, fette Herausforderung, die man dann meistert“, bilanziert Grambusch. Und weiß ebenso gut: „Oftmals ist es aber auch so, dass man daran scheitern kann – das möchte ich nicht schönreden.“
Grambusch wird bei Heim-EM zum tragischen Helden
Und das Scheitern folgte nur wenige Monate nach dem großen Erfolg. Mit hohen Erwartungen startete der amtierende Weltmeister im August 2023 in die Heim-EM in Mönchengladbach – Grambuschs Geburtsstadt. Im Halbfinale ist wieder England der Gegner, wieder geht es ins Penalty-Schießen. Ausgerechnet Grambusch wurde im Shootout zur tragischen Figur, als er den entscheidenden Penalty verschoss. Deutschland verlor im Anschluss auch das Spiel um Platz drei, die Enttäuschung war riesig.
Und doch schafft es Grambusch, der bei Rot-Weiß Köln spielt, das Positive zu sehen. „Dankbar“ sei er, dass er es „verkackt“ habe. „Ich habe in meiner Karriere schon ein paar Sachen erlebt und kann es daher einigermaßen einordnen. Natürlich muss ich mich der Verantwortung stellen. Aber wenn ich ernsthaft, inhaltlich und nüchtern darüber nachdenke, gehört es eben dazu.“ Die Devise ist klar: Kurz aufregen, abhaken, weitermachen.
Kapitän mit klaren Worten
Es sind Situationen wie diese, in denen deutlich wird, wie Grambusch handelt – als Spieler und als Kapitän. Er ist ruhig und pragmatisch, aber auch emotional. „Ich bin jemand, der die Dinge mit einer gewissen Lockerheit, Lässigkeit und Humor angeht“, beschreibt er sich im Sportbuzzer-Gespräch. Gleichzeitig überhöht er sich und seine Rolle nicht. „Ich versuche, die Leute an Bord zu holen, ohne zu sehr auf mich zu schauen“, meint er. Viele Jungs seien ohnehin schon so lange dabei, „denen muss man gar nichts mehr sagen“.
Zweifel an sich und am Team zeigt der 31-Jährige keine – auch nach der EM-Pleite nicht. Das Turnier habe gezeigt, wie eng es manchmal sein kann. „Ich habe Vertrauen in die Truppe“, sagt er mit festem Blick: „Das hatte ich bei der WM und auch bei der EM. Das eine Mal hat es geklappt und das andere Mal eben nicht. Das ist der schmale Grat, auf dem wir immer wandern.“
Und der Kapitän ist nicht verlegen um klare Worte. Obwohl er schon Welt-, Europameister und Olympiadritter wurde, sowie mit seinem Klub die Euro Hockey League gewann, ist er kein Profi. Gemeinsam mit seinem Bruder führt er ein Immobilienunternehmen in Mönchengladbach, der Alltag ist voll gepackt mit Arbeit, Training und Elternzeit. „Die Wertschätzung in Deutschland ist schon recht gering“, meint der Routinier. So hätte es ihn enttäuscht, dass weder ein WM- noch ein EM-Spiel im Free-TV gezeigt wurde, zudem fordert er eine bessere finanzielle Unterstützung für die Grundbedingungen des Sports. In kleineren Nationen wie Belgien, Niederlande oder Norwegen sei das seiner Meinung nach besser: „Ich hatte letztes Jahr zwei Spieler in meiner Mannschaft, einen belgischen und einen niederländischen Torwart, die haben darüber gelacht, was wir für eine Trainingsausstattung haben.“
Trotz allem ist er froh, eben kein Fußballprofi zu sein – was er nach eigener Aussage wohl auch nicht geschafft hätte. „Ich hätte mich als Mensch nicht so entwickelt, wie ich es habe, weil der Fokus nur auf dem Sport gewesen wäre“, erzählt Grambusch. Seine Erziehung, sein Abitur, seinen Auslandsaufenthalt in England, seine Familie – all das hätte er nicht „gegen einen Haufen Kohle auf dem Konto eingetauscht“.
Mats und Tom gehen immer noch auf ein Zimmer
Und die Familie ist ihm sehr wichtig. Bruder Tom begleitet ihn quasi bei jedem Schritt. Wenn sie gemeinsam mit der Nationalmannschaft unterwegs sind, teilen sich der 31-Jährige und der drei Jahre jüngere Tom oft ein Zimmer – zum Unverständnis der Teamkollegen. „Die Leute halten uns für verrückt“, sagt er lachend. Obwohl die beiden ein super Verhältnis hätten, gehen sie sich gegenseitig auf die Nerven. „Wenn ich aus der Dusche komme, ist das ganze Bad nass. Da bekomme ich von meinem Bruder einen auf den Deckel“, erzählt Grambusch. Tom hingegen sei schnell zu negativ: „Dann muss ich ihn einfach mal ein bisschen jammern lassen.“
Seit letztem Sommer hat Grambusch noch einen weiteren Motivator: eine kleine Tochter. Insbesondere nach der EM habe sie ihm schnell geholfen, wieder klarer denken zu können. „Sie hat mich angestrahlt und wir haben viele Sachen unternommen. Ich musste nicht groß reden und das hat mir sehr positive Gefühle gebracht.“
Statt Familienzeit steht nun aber das wichtige Qualifikationsturnier an, um das Ticket für Paris zu lösen. In Gruppe B trifft das DHB-Team auf Kanada (15. Januar, 11 Uhr), Neuseeland (16. Januar, 13.15 Uhr) und Chile (18. Januar, 11 Uhr). Anschließend folgen Halbfinale (20. Januar) und Finale oder das Spiel um Platz 3 (21. Januar) – möglicher Gegner: England.